Warum hat Deine Katze Angst vor Neuem?

Sep., 2026 | Verhalten

Dieses Jahr habe ich viele Dinge das erste Mal getan. Manche davon waren auf eine gute Art kribbelig, andere haben mir schlaflose Nächte und Bauchschmerzen bereitet.

Z.B. habe ich das erste Mal einen Elefanten gestreichelt. Meine Gefühle schwankten zwischen Trauer um dessen Lebenssituation, der Erkenntnis des Alterns und der Krankheit bei diesem sanften Riesen und der Ruhe, die dieses Tier ausstrahlte und sich unweigerlich auf mich übertrug.

Oder der Newsletter, der mich auf Trab hielt, weil die Technik nicht mitmachte und ich einfach den Fehler nicht fand bzw. mich auch beschäftigte, ob sich wohl irgendjemand für mein Thema interessieren würde oder alle Mühe umsonst wäre. Spoiler: ist es nicht, aber das wusste ich vorher nicht. Das ist eine Erkenntnis, die man erhält, während man weitermacht.

Den Antrieb zu dieser Offenheit bescherten mir unsere Katzen. Auch sie erleben vieles zum ersten Mal und reagieren dabei völlig anders, als wir es uns wünschen würden. Ihre erste Frage gilt nämlich ihrer eigenen Sicherheit und damit ihrem Überleben. Im Grunde ergeht es uns Menschen genauso, nur haben wir einen entscheidenden Vorteil. Welcher das ist, schauen wir uns gleich an. Außerdem klären wir, wovon es abhängt, ob aus dem Neuen für Deine Katze etwas Gutes wird.

Warum versteckt sich Deine Katze, wenn Besuch kommt?

Besuch stellt für Deine Katze eine Situation dar, die sie nicht einschätzen kann, weshalb sie sich in Sicherheit bringt.

Es klingelt an der Tür und schon steht jemand im Flur, bringt einen fremden Geruch mit, eine neue Atmosphäre in den Raum, eine eigene, vielleicht bewegte Körperdynamik und Stimmlage. Oder ein neues Spielzeug liegt seit gestern neben dem Sofa, das Deine Katze gerne zum Ausruhen nutzt. Vielleicht bringt Dein Kind auch Freund*innen mit, und Du siehst Deine Katze erst am Abend wieder.

In unserem Haushalt ist es vor allem Lovis, die auf alles schreckhaft reagierte: Plastiktüten, das Klimpern eines Schlüssels, eine geschlossene Tür, jede Art von Bewegung und Quietscher von Kindern. Doch nicht nur sie, die wenig Kontakt zu Menschen hatte, auch Levi, eines unserer Päppelbabys, das seit seinen ersten Lebenstagen bei uns ist, ist schreckhafter als die anderen – und gerade er ist der Liebling unseres quirligen Jüngsten, der plötzliche Ausrufe und Sprünge macht.

Für uns Menschen mögen das Kleinigkeiten sein, doch für unsere Katzen ist jede dieser Situationen eine Frage, auf die sie eine Antwort brauchen.

Brauchen Katzen wirklich immer gleiche Tagesabläufe?

Hier möchte ich eine klare Antwort mit einer Einschränkung geben: Katzen profitieren sehr von vorhersehbaren Tagesabläufen. Doch gleichzeitig stehen sie dadurch vor einer großen Herausforderung: Ein immer gleicher Tagesablauf bewirkt, dass Deine Katze wenig neue Erfahrungen sammelt, auf die sie zurückgreifen kann, wenn wirklich einmal etwas anders läuft und Du es nicht abfedern kannst.

Die meisten Katzen leben heute in Wohnungshaltung. Ihr Tag folgt einem relativ verlässlichen Ablauf. Diese Verlässlichkeit bedeutet zunächst Sicherheit für Deine Katze, gleichzeitig erlebt sie wenig Unbekanntes regelmäßig. Eine Katze, die seit Jahren dieselben vier Wände, dieselben Geräusche und dieselben Menschen kennt, hat schlicht keine Vergleichsmomente. Kommt dann etwas Neues, steht sie ohne jeden Anhaltspunkt davor.

Dazu kommt etwas, das ich in meiner Arbeit oft erlebe: Mit der Katze wird nichts geübt. Sie gilt als das günstige, unkomplizierte Familienmitglied, das nebenbei herläuft und wenig braucht. Häufig fällt die Wahl gerade auf eine Katze als Haustier, weil sie als einfach und anspruchslos gilt. Der Hund geht in die Hundeschule, das Kind lernt Fahrradfahren und Schwimmen, und die Katze soll einfach da sein und sich freuen, wenn man abends heimkommt. Aus diesem Erwartungsdenken entstehen später leider die Missverständnisse und die Konflikte mit dem Kind.


Eine Katze, die nicht regelmäßig und auf angenehme Weise etwas Neues erlebt, hat nichts, worauf sie zurückgreifen kann, wenn das Neue schließlich eintrifft.

Was entscheidet darüber, wie Deine Katze auf etwas Neues reagiert?

Drei Ebenen wirken an dieser Stelle zusammen: die Perspektive Deiner Katze als Beutetier, ihre ersten Lebenswochen und das, was ihre Eltern ihr mitgegeben haben. Alle drei liegen in der Vergangenheit Deiner Katze und Du kannst sie nicht mehr verändern. Du kannst sie aber sehr gut abfedern, indem Du gestaltest, was Deine Katze ab heute erlebt.

Warum bewertet Deine Katze jede Situation aus der Beutesicht?

Deine Katze steht in der Mitte der Nahrungskette. Sie jagt selbst, und gleichzeitig hat sie Fressfeinde über sich. Fachlich heißt das, Deine Katze ist ein Mesoprädator. Unbekanntes betrachtet sie daher zuerst mit den Augen eines möglichen Beutetiers und beantwortet binnen Sekunden eine Frage: Bin ich sicher oder ist das gefährlich für mich? Wenn Deine Katze die Situation als gefährlich einstuft, tritt sie in aller Regel die Flucht an: Das ist ihre erste und mit Abstand häufigste Reaktion. Erst, wenn sie keinen Ausweg mehr sieht, geht sie nach vorne. Fauchen, Kratzen und Beißen stehen also am Ende einer sogenannten Eskalationskette.

Wenn Deine Katze Dein Kind z.B. kratzt, hat sie vorher mehrfach versucht, die Situation friedlicher und ohne körperliche Auseinandersetzung zu verlassen. Dies ist wichtig zu verstehen, da es bedeutet, dass wir durch genaueres Beobachten und entsprechendes Handeln viele Konflikte vermeiden können.

Gut zu wissen

Was ist ein Mesoprädator?
Als Mesoprädatoren werden Beutegreifer bezeichnet, die in der Nahrungskette eine mittlere Position einnehmen. Sie erbeuten kleinere Tiere und stehen selbst auf dem Speiseplan größerer. Die International Cat Care (ICC) beschreibt sie daher als predator and prey species, als Jägerin und Beutetier in einem.

Wie die ersten Lebenswochen das Verhalten prägen

Zwischen der zweiten und siebten Woche durchlaufen Katzen eine sensible Phase der Sozialisierung. Was ein Kätzchen in dieser Zeit auf angenehme Weise kennenlernt, ordnet es als bekannt und ungefährlich ein. Alles, was nach dieser Zeit zum ersten Mal auftaucht, prüft es sorgfältiger.

Hat Deine Katze in dieser Phase daher eine Bandbreite an Reizen positiv erlebt, also verschiedene Menschen, Geräusche, Untergründe, Handling und Alltagssituationen, ist die Chance deutlich höher, dass sie später offener auf Unbekanntes zugeht. Fehlten diese Erfahrungen oder waren sie unangenehm, bringt sie eine geringere Bereitschaft mit, sich Unbekanntem zu nähern.

Dieses Fundament bleibt ihr jedoch nur erhalten, wenn Du kontinuierlich darauf aufbaust. Eine gut sozialisierte Katze, die anschließend jahrelang nichts Neues mehr erlebt, verliert diese Offenheit wieder, weil sie sich an ihr Leben gewöhnt und anpasst. Die frühen Erfahrungen verblassen zu alten Erinnerungen und bleiben damit eine gute Basis, mehr aber auch nicht. Entscheidend ist daher, was Du daraus machst. Ich komme weiter unten darauf noch einmal zurück.

Was Deine Katze von ihren Eltern mitbringt

Neben den frühen Erfahrungen wirkt auch das individuelle Nervensystem Deiner Katze auf ihre Offenheit gegenüber Neuem ein. Von ihrem Vater bekommt sie einen Anteil an ihrer Erkundungsfreude vererbt, die genetisch verankert ist. Da Kater an der Aufzucht in der Regel nicht beteiligt sind, ließ sich dieser Einfluss vergleichsweise sauber untersuchen. In den Studien näherten sich Katzen mit einem zutraulichen Vater unbekannten Gegenständen schneller, berührten sie eher und blieben länger in ihrer Nähe als Katzen mit einem scheuen Vater.

Wichtig an dieser Stelle ist die richtige Einordnung: Es gibt kein Gen für Freundlichkeit. Vererbt wird die Bereitschaft, auf Unbekanntes zuzugehen, und die zeigt sich später als Zutraulichkeit oder Zurückhaltung. Die Untersuchungen dazu stammen aus den 80er-/90er-Jahren und arbeiteten mit eher kleinen Gruppen. Inzwischen ist die Datenlage etwas breiter geworden. Eine finnische Forschungsgruppe hat Angaben zu rund 6.000 Katzen aus 40 Rassen ausgewertet und fand alle untersuchten Verhaltensmerkmale mäßig bis stark erblich, darunter auch Scheu und Zugewandtheit zum Menschen.

Von der Mutter kommt der zweite Anteil, der sich auf die Offenheit eines Kätzchens auswirkt. Dieser entsteht vor allem während der Trächtigkeit. Eine Katzenmutter, die schlecht versorgt ist, geht reizbarer mit ihren Kätzchen um und kümmert sich u.U. weniger um sie. Ihre Kitten entwickeln sich oft verzögert, öffnen später die Augen, laufen und spielen später als Kätzchen einer gut versorgten Katzenmutter. Die Studienlage über Stress während der Trächtigkeit bei Kätzinnen ist verhältnismäßig dünn. Über viele Arten hinweg gilt jedoch, dass die Stresshormone einer Mutter das Ungeborene erreichen und die Entwicklung des Stresssystems bzw. der Resilienz beeinflussen.

Deshalb will ich an dieser Stelle noch einen Gedanken mitgeben: Eine Katzenmutter, die täglich damit beschäftigt ist, wie sie ihre Sicherheit schützt oder überlebt, gibt eine andere Ausgangslage weiter als eine gut versorgte Katzenmutter, die wenig Stress erlebt. Das gilt unabhängig davon, ob die Katzenmutter eine Straßenkatze oder eine Zuchtkatze ist. In beiden Fällen erleben Katzen kritische Situationen. Die Frage ist, wie viel Stress eine Katze erlebt hat und ob er sich ausgleichen lässt. Es ist daher wichtig, dass wir berücksichtigen, dass jedes Kätzchen eine eigene Vorgeschichte mit sich bringt, die genaues Hinschauen und durchdachtes Handling erfordert.


Wie Deine Katze auf Neues reagiert, hängt ab von: ihrer Perspektive als Beutetier, den Erfahrungen ihrer ersten Lebenswochen und dem, was sie von ihren Eltern mitbekommen hat.

Das sind Auszüge aus einem großen Forschungsfeld. Alle drei Ebenen beschreiben dabei etwas, was längst vergangen ist. Für jetzt ist es nur wichtig zu wissen, dass Deine Katze einen individuellen Start mitbringt. Was daraus wird, gestaltest Du.

Kann Deine Katze lernen, entspannter mit Neuem umzugehen?

Ganz klar: Ja. Deine Katze kann lernen, neuen Situationen entspannter zu begegnen. Und zwar deshalb, weil das Verhalten Deiner Katze kein fest geschriebenes Programm ist. Es ist das Ergebnis einer Bewertung der Situation.

Ich betrachte Katzen als körperliche und geistige Wesen, und diese Unterscheidung ist eine der Grundlagen meiner Arbeit. Die körperlichen Bedürfnisse lege ich vertrauensvoll in die Hände meiner katzenkundigen Tierärztin. Die geistigen Bedürfnisse liegen in meinen Händen als Katzentrainerin und Verhaltensberaterin. Wir arbeiten eng zusammen, um unseren Katzen ein gutes Leben zu ermöglichen. Ähnlich empfehle ich es auch meinen Familien, die zu mir kommen.

Deine Katze hat ein Innenleben. Sie macht Erfahrungen, zieht ihre Schlüsse daraus und lernt jeden Tag weiter, ob wir das beabsichtigen oder nicht. Darum lohnt es sich, diese Lernsituationen bewusst zu gestalten.

Was Du an Deiner Katze siehst, ist immer eine Antwort: Sie hat eine Situation geprüft, ist zu einem Ergebnis gekommen, und dieses Ergebnis siehst Du als ihr Verhalten. Deine Katze läuft weg, weil sie die Situation als bedrohlich bewertet hat oder sie bleibt sitzen, weil sie zu dem Schluss gekommen ist, dass sie sicher genug ist, um mit der Situation umzugehen.


Das Verhalten Deiner Katze ist das Ergebnis einer Bewertung. Weil jede Bewertung auf Erfahrung beruht, kann sie sich ändern. Das ist Lernen.
Mara Hoffmann | Familienkatze

Hier liegt Dein Handlungsspielraum. Du kannst weder die Gene Deiner Katze verändern, noch ihre vergangenen Lebenswochen nachholen. Aber Du kannst ändern, welche Erfahrungen sie ab heute bei Dir in Deinem Zuhause macht. Und mit jeder neuen Erfahrung, die für Deine Katze gut ausgeht, verschiebt sich ihre Bewertung ein Stück.

Dabei möchte ich ehrlich sein und darauf hinweisen, dass aus einer grundsätzlich vorsichtigen Katze in der Regel keine unerschrockene Abenteurerin wird. Ihre grundsätzliche Veranlagung bleibt ihr erhalten. Aber wie sie Situationen einschätzt, wie sie mit ihnen umgeht, wie flexibel und belastbar sie wird, kann sich ändern. Hier liegt der entscheidende Unterschied, wenn es darum geht, ob Deine Katze panisch flüchtet, wenn Dein Kind das Wohnzimmer betritt oder ob sie ihm sogar entgegenkommt, um es zu begrüßen und es als Teil ihrer Familie betrachtet.

Bei unserer Lovis hat sich dieses Bild nämlich ergeben: Sie war so scheu, dass man ihre Existenz bezweifelte. Heute ist sie immer noch aufmerksam und weicht Situationen aus, die ihr zu viel sind. Aber sie hat sich auch sehr weit entwickelt: Unsere Kinder dürfen sie streicheln, sie fragt bei ihnen um Leckerli nach, sie begrüßt sogar unsere Nachbarn auf der Straße und geht mit uns spazieren. Dies alles sind Entwicklungen, die vor drei Jahren undenkbar waren. Lovis hat mir das Vertrauen gegeben, dass jede Katze sich weiterentwickeln kann – wirklich jede! – wenn wir ihr die Möglichkeit dazu geben.

Was können wir Menschen, was unsere Katzen nicht können?

Wenn Deine Katze lernen kann, stellt sich die Frage, warum es ihr so viel schwerer fällt als uns Menschen, sich auf Neues einzulassen.

Menschen haben Katzen gegenüber einen Vorteil: Sie können Neues einordnen, ohne es selbst zu erleben oder ehe es eintritt.

Binnen kurzer Zeit können wir Informationen aufnehmen und einordnen. Wir lesen, fragen nach oder uns erklärt jemand etwas, was gleich passieren wird. Diese Informationen verändern unsere Bewertung einer Situation, noch bevor unser Körper reagieren muss. Deine Katze hat diese Möglichkeit nicht. Sie kann ausschließlich das bewerten, was sie in diesem Moment wahrnimmt. Niemand kann ihr sagen, dass der Handwerker in zwei Stunden wieder weg ist und dann Ruhe einkehrt.

Dazu kommt die Frage der Wahl: Wir entscheiden in den meisten Situationen selbst, ob wir hingehen, wie nah wir kommen und wann wir wieder gehen. Einer Katze wird Neues in der Regel ohne Vorbereitung zugemutet: die Transportbox, der Umzug, der Besuch, das neue Sofa oder das Baby. Sie hat diese Entscheidung nicht selbst getroffen. Und während sie vielleicht die Lage prüft, rechnet sie mit beidem, dem Jagen und Gejagtwerden. Für uns spielt diese Doppelrolle im Alltag in der Regel keine Rolle mehr.

Ein Punkt ist mir hier noch wichtig, weil er leicht untergeht: Dieser Vorteil gilt nur bei moderater Anspannung. Sobald unser eigenes Nervensystem im Alarmzustand ist, greift die Einordnung auch bei uns nicht mehr. Stress, Angstzustände und Panik sind vielen Menschen nur zu bekannt. Wir kennen diesen Zustand also, wir erleben ihn nur deutlich seltener als unsere Katze.

In überfordernden Momenten erreicht Dein gutes Zureden Deine Katze deshalb nicht. Sie hört Deine Stimme, sie kann die Beruhigung darin aber nicht mehr als relevante Information verwerten und entsprechend darauf reagieren. Weil Du Deiner Katze in diesen Momenten nichts erklären kannst, kannst Du ihr am besten helfen, indem Du den Lernweg nutzt, der ihr zugänglich ist: In Situationen, die unterhalb ihrer Toleranzgrenze liegen, gibst Du ihr Vorhersehbarkeit durch viele Wiederholungen, gleichbleibende Abläufe und kleine Schritte, die immer denselben Ausgang nehmen. Was für uns Menschen also ein kurzer Satz oder eine Information ist, ist bei Deiner Katze Lernen aus Erfahrung.

Was passiert, wenn Du Deine Katze überforderst?

Jede Situation kann potentiell überfordernd für Deine Katze sein. Es kann zu laut, zu schnell oder zu hektisch auf sie wirken. Und auch dann lernt Deine Katze – nur nicht das, was Du Dir vermutlich wünschst.

Wenn ein Reiz zu stark ist oder zu lange andauert, speichert Deine Katze die Situation als gefährlich ab. Beim nächsten Mal reagiert sie dann schneller, sobald die ersten Hinweise die Situation für sie ankündigen. Da es für Katzen ums Überleben geht, erkennen sie bedrohliche Signale sehr schnell. Dabei speichern sie nicht nur den Auslöser selbst, sondern alle Reize, die in dieser Situation gleichzeitig aufgetreten sind. Jeder einzelne davon kann später zur Ankündigung werden.

Besonders folgenreich wird das, wenn Dein Kind regelmäßig Teil dieser Momente ist. Deine Katze verknüpft das unangenehme Gefühl mit Deinem Kind selbst. Aus einer harmlosen Situation wird über Wochen ein dauerhaftes Meiden, und irgendwann versteckt sie sich nur noch, sobald Dein Kind sich bemerkbar macht.

In einer meiner Beratungen gab es eine diffuse Angstsituation zwischen der Katze und dem Kind der Familie, die sich über einen langen Zeitraum verhärtet hatte. Es stellte sich heraus, dass das Kind als Kleinkind mit noch intaktem Greifreflex die Familienkatze öfters streichelte und dabei weh getan hatte. Beim ersten Mal zuckte und drehte sich die Katze noch, doch je häufiger dies vorkam, desto mehr mied sie das Kind, bis sie sich völlig vor ihm versteckte. Gerade der Beginn der Mobilität stellt für viele Katzen eine Herausforderung dar, weshalb empfohlen wird, jüngere Kinder und Katzen bzw. Tiere allgemein nie unbeaufsichtigt zu lassen.

Was Du tun kannst, damit Dein Kind für Deine Katze keine Ankündigung für Unangenehmes wird, habe ich in meinem kostenlosen Booklet „Katze liebt Kind“ für Dich aufgeschrieben – mit einer Situation, die Du direkt ausprobieren kannst.

FAQ & Mythen

Soll ich meine Katze liebevoll ermutigen und auch mal zu meinem Kind tragen, obwohl sie nicht will?

Nein. Ein solches Vorgehen übt unweigerlich Druck auf Deine Katze aus. Dies ist eine Erfahrung, die Du vermeiden willst. Wenn Du Deine Katze festhältst oder ihr den Rückzug verhinderst, lernt sie, dass sie in dieser Situation keine Kontrolle hat und auch Du selbst wirst für sie zu einem unberechenbaren Wesen. Bei eurer nächsten Begegnung wird sie deshalb angespannter als zuvor und geht bereits in eine negative Vor-Erwartungshaltung. Eine Abwärtsspirale wird in Gang gesetzt. Der Weg führt deshalb in die andere Richtung: Je zuverlässiger Deine Katze gehen darf, desto eher bleibt sie freiwillig.

Meine Katze kommt aus dem Tierschutz und hat einiges erlebt. Kann ich ihr mein Kind überhaupt zumuten?

Ja. Katzen mit schwierigen Startbedingungen brauchen mehr Zeit, genaueres Hinsehen und oft etwas mehr Unterstützung, aber sie entwickeln sich trotzdem weiter. Unsere Lovis ist dafür ein sehr schönes Beispiel: Was ihr geholfen hat, waren viele kleine Situationen, die für sie gut ausgegangen sind.

Wächst es sich aus, wenn meine Katze sich versteckt, sobald mein Kind Freund*innen mitbringt?

In der Regel nicht von allein. Deine Katze hat gelernt, dass Rückzug in dieser Situation funktioniert, und sie wird dabei bleiben, solange sich für sie nichts ändert. Was sich ändern lässt, ist aber die Erfahrung selbst.

Deine Katze braucht dafür einen sicheren Rückzugsort mit guter Übersicht über den Raum und einen Ablauf, der ihr Vorhersehbarkeit gibt. Über viele solcher Nachmittage verschiebt sich ihre Bewertung. Manche Katzen bleiben danach im Raum, andere kommen weiterhin erst später wieder heraus. Beides ist in Ordnung, solange Deine Katze die Wahl hat.

Dein Kind hat dabei eine eigene Rolle. Sag ihm vorher, wo Deine Katze sich zurückzieht und dass dieser Ort für alle tabu ist, auch für seine Gäste. Erkläre ihm außerdem, dass Deine Katze nicht vor ihm wegläuft, weil sie es nicht mag. Sie geht, weil ihr die Situation zu viel wird, und das gilt genauso für Erwachsene. Kinder nehmen den Rückzug oft persönlich, und wenn niemand es für sie einordnet, bleibt dieses Gefühl bestehen.

Kündige deswegen Besuch an, halte ihren Rückzugsort frei und bitte Gäste, Deine Katze zu ignorieren, wenn sie sich zeigt. Und gib Deinem Kind positive Rückmeldung, wenn es Deiner Katze Raum lässt, weil das der Teil ist, den es aktiv leisten kann.

Wie erleben wir als Erwachsene Neues?

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf uns Menschen zurückkommen, denn die Sache mit dem Neuen betrifft uns genauso.

Je seltener wir etwas Neues wagen, desto bequemer werden unsere Routinen und desto größer wirkt der nächste erste Schritt. Ich übe das gerade sehr bewusst an mir selbst. Es fühlt sich nicht immer angenehm kribbelnd an, wie wenn man mit positiver Erwartung auf ein neues Erlebnis wartet. Ganz oft fühle ich Unsicherheit und Zweifel, ob die Idee, die ich mir vorgenommen habe, wirklich so gut war. Und ganz oft frage ich mich im Stillen, ob ich wirklich weitergehen soll. Mir fehlt oft der Mut für den nächsten Schritt. Doch in dem Moment, wenn ich weitergehe, werde ich offener und erkenne, bei all dem, was ich Neues erlebe, gibt es nichts, was mich wirklich bedroht. Die unschönen Konsequenzen, die ich mir zuvor ausgemalt hatte, entpuppten sich als unnötige Sorgen. Und aus manchen Herausforderungen wurde bei einer Tasse Tee eine Chance, etwas Neues zu lernen und meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Das stärkt mein Vertrauen und mein Bewusstsein über meine Selbstwirksamkeit.

Mittlerweile erlebe ich es, dass ich mir mehr zutraue, als noch im vergangenen Jahr und dass ich deutlich optimistischer den nächsten ersten Malen entgegenblicke. Mitunter ertappe ich mich dabei, dass ich es schon kaum mehr abwarten kann, bis ich Neues erlebe. Ich bin regelrecht abenteuerlustig geworden. Durch meine eigene Entwicklung verstehe ich meine Schützlinge jedes Mal ein bisschen besser.

Fazit: Was Du ab heute tun kannst

Das Verhalten, das Du an Deiner Katze siehst, ist ihre Antwort auf eine Frage, die sie sich jedes Mal neu stellt: Bin ich hier sicher? Wie sie diese Frage beantwortet, hängt ab von ihrer Sicht als Beutetier, von ihren ersten Lebenswochen und von dem, was ihre Eltern ihr mitgegeben haben. Alle drei Ebenen liegen hinter ihr und keine davon kannst Du ändern.

Was Du ändern kannst, sind die Erfahrungen, die sie ab heute bei Dir macht. Und weil jede Bewertung auf Erfahrung beruht, verschiebt sich mit jeder Situation, die für Deine Katze gut ausgeht, auch ihre Antwort ein Stück.

Dabei möchte ich ehrlich bleiben: Aus einer vorsichtigen Katze wird vermutlich keine unerschrockene Abenteurerin. Ihre Veranlagung bleibt ihr erhalten, was auch in Ordnung ist. Was sich aber verändert, ist ihre Flexibilität im Umgang mit dem, was sie nicht kennt. Sie erholt sich schneller, sie bleibt länger, sie kommt eher wieder hervor. Für das Zusammenleben in eurer Familie macht das einen großen Unterschied.

Wenn Du heute nur eine einzige Sache mitnehmen möchtest, dann diese: Schau bei einer ganz alltäglichen Situation genau hin, an welcher Stelle Deine Katze aussteigt. Wann wendet sie sich ab und verlässt den Raum oder lässt das Futter stehen? Diese Stelle ist ihre Toleranzgrenze, und dort beginnt Deine Arbeit. Wie Du von dort aus weitergehst, habe ich Dir Schritt für Schritt in Wie Du Deine Katze an Neues gewöhnst aufgeschrieben.

Ich habe eingangs von meinen ersten Malen erzählt, von schlaflosen Nächten und davon, dass sich die Sorgen im Nachhinein fast immer als unbegründet erwiesen haben. Mir hat dabei geholfen, dass ich vorher fragen, nachlesen und mich vorbereiten konnte. Deine Katze hat diese Möglichkeit nicht. Sie kann nur das bewerten, was sie in diesem Moment erlebt. Deshalb liegt es an uns, ihr diese Erlebnisse so zu gestalten, dass sie am Ende sagen kann: Es ist ungefährlich für mich, es ist gut ausgegangen, ich bin sicher.

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Hi, ich bin Mara

Hi, ich bin Mara

Als Katzenverhaltensberaterin & Pädagogin begleite ich Dich dabei, Deine Katze auf Augenhöhe zu verstehen und eine Beziehung zu gestalten, die auf Respekt und Vertrauen beruht.

Mein Augenmerk liegt besonders auf Katzen in Familien mit Kindern – gerade dort, wo der Alltag oft hektisch und herausfordernd ist.

Ich helfe Dir, Missverständnisse aufzulösen und eine echte Verbindung zwischen euch zu gestalten – mit alltagstauglichen Schritten, die sich unkompliziert in Dein Familienleben integrieren lassen. Gemeinsam schaffen wir einen entspannten Alltag mit Nähe, Spiel und Geborgenheit.

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