Als Katja Hammerschmidt zu ihrer Blogparade „Was ich von meinem Tier gelernt habe“ einlud, entschied ich mich, über unsere Katzen zu schreiben. Ich lebe mit einigen zusammen und arbeite beruflich mit ihnen und ihren Menschen, und eine Frage begegnet mir dabei immer wieder: die nach dem Vertrauen. Wie es entsteht, warum es so lange braucht, bis ein stabiles Fundament aufgebaut ist und weshalb es so schnell wieder verschwinden kann.
Ich dachte daher zuerst, mein Beitrag würde von Vertrauen handeln und davon, was Katzen uns darüber lehren, und begann, über unsere Angstkatze zu schreiben. Damals hieß sie Minki, doch heute heißt sie Lovis. Während des Schreibens wurden meine Gedanken größer und ich glaubte eine Weile, mein Beitrag handelte von Namen und was diese mit uns und unserer Katze machten. Doch je länger ich an meinem Entwurf schrieb, desto deutlicher merkte ich, dass sich meine Gedanken auf etwas zuspitzten, das mich seit Jahren beschäftigt und meine gesamte Arbeit beeinflusst: Es geht um Würde und um die Frage, ob wir bereit sind, ihr zu begegnen.
In diesem Artikel lade ich Dich ein, diesen Gedanken mit mir zu verfolgen.
Warum heißt jede Katze Minki?
Vor einiger Zeit erzählte mir eine ältere Dame von ihrer Katze. Sie hieß Minni, eigentlich Minna, eigentlich Minka. Minka Nummer fünf. Sie zählte mir auf, wer vor Minni da gewesen war: die erste Minka, schwarz, dann eine zweite Minka, ebenfalls schwarz, danach eine Minki, dann Minna, dieses Mal schwarz-weiß und zuletzt Minni, wieder schwarz. Fünf Katzen, fünf Leben und ein Name mit kleinen Abwandlungen. Die Dame erzählte das ohne Häme und ohne Kälte. Sie mochte ihre Katzen. Sie hießen eben so, wie man es kannte.
Auch unsere Angstkatze kam als Minki zu uns, und ihre vorige Halterin gehörte derselben Generation an wie diese Dame mit ihren fünf Minkas. In dieser Generation hieß jede Katze Minka. Es lohnt sich, einen Moment bei diesem Wort zu bleiben, denn es hat eine Geschichte. Minka geht auf Wilhelmina zurück, einen Namen, der lange mit Dienstmägden verbunden war. Ich erinnere mich, dass wir zu Hause die Waschmaschine „Minna“ nannten, wahlweise auch die Spülmaschine. Minka, Minki, Minna und Minni sind Abwandlungen desselben Wortes, und dieses Wort bedeutete im übertragenen Sinne ungefähr: das Tier, von dem ich nicht viel mehr weiß, als dass es eine Katze ist. Heute würden wir vermutlich Luna, Nala, Simba oder Felix sagen. Auf den ersten Blick ist das ein Fortschritt, denn eine Nala ist keine Minki und ein Simba ist kein Tiger. Nur stammen diese Namen aus Filmen, Büchern und aus der Werbung und bringen eine vorgefertigte Vorstellung mit sich, wie eine Katze sein soll. Die Auswahl ist größer geworden, ihre Funktion ist dieselbe geblieben. Was ich daraus sehe, ist: Minki ist kein Name. Minki ist eine Kategorie.
Warum brauchen wir Kategorien?
Bevor Du jetzt den Kopf schüttelst, möchte ich Dich bitten, einen Schritt zurückzutreten. Denn das, was hier geschieht, ist zutiefst menschlich, und ich mache es genauso. Wir benennen Dinge und Lebewesen, weil wir Ordnung brauchen. Ein Ding oder ein Lebewesen bekommt einen Platz, wir wissen, wohin es gehört und was wir voneinander erwarten bzw. was unsere Beziehung zueinander ist. Diese Ordnung ist der Grund, warum wir uns in einer vielfältigen und mitunter unübersichtlichen Welt überhaupt bewegen können. Sie spart uns Kraft, sie beschleunigt unsere Entscheidungen und sie gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Und wenn diese Ordnung ins Wanken gerät, wenn plötzlich etwas vor uns steht, für das wir keine Kategorie haben, dann erleben wir Stress.
An dieser Stelle wirst Du vielleicht schon ahnen, worauf ich hinauswill, denn Du kennst das Prinzip bereits von Deiner Katze. Katzen brauchen Vorhersehbarkeit. Sie brauchen eine Welt, in der möglichst alles vorhersehbar ist und in der das, was angekündigt wird, auch eintritt. Wenn diese Vorhersehbarkeit zusammenbricht, gerät eine Katze in Stress. Wir Menschen brauchen unsere Kategorien aus genau demselben Grund. Wir sind uns darin ähnlicher, als es auf den ersten Blick aussieht. Das ist einer der Gründe, warum früher nahezu jede Katze Minki hieß. Es machte unser Leben leichter, definierte unsere Beziehung zueinander und zeigte, was wir von dem Tier erwarteten.
Nun gibt es aber einen Moment, in dem das Benennen mehr tut, als nur zu ordnen. Denk einmal an ein Kind, das in der Schule als „der/die Schwierige“ gilt. Dieser Satz klingt wie eine Beobachtung. Er beschreibt scheinbar nur, was ohnehin alle sehen. Tatsächlich aber tut er etwas. Er weist einem Kind einen Platz zu, und ab da läuft alles Weitere in dieser Spur. Bei ihm/ihr sieht man die Störung, wo man bei anderen Übermut, Lebensfreude und Potenzial sieht. Zu Hause wird häufiger angerufen. Das Kind hört, wie über es gesprochen wird, es spürt, was man von ihm erwartet, und irgendwann beginnt es, dem Bild zu entsprechen. Wir kennen das unter dem Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung.
„Das ist Minki“ tut genau dasselbe, obwohl es aussieht wie ein Name und damit wie das Gegenteil einer Schublade. Der Satz klingt nach einer Beobachtung und ist in Wahrheit eine Zuweisung. Wer einmal zugewiesen wurde, wird von da an so behandelt.
Was geschieht, wenn wir Kategorien loslassen?
Im Englischen gibt es folgende Redewendung: getting comfortable with being uncomfortable. Übersetzt heißt sie, sich im Unbehagen einrichten lernen und beschreibt einen Zustand, in dem man aushält, dass etwas gerade nicht in die gewohnte Ordnung passt und man sich damit arrangiert.
Genau darum geht es hier. Was geschieht, wenn ich die Kategorie loslasse? Wenn ich nicht mehr die Schublade brauche, in der steht „das ist eine Katze“ bzw. „das ist Minka“, sondern nur noch eine einzige übrigbleibt, in der steht: „das ist ein Lebewesen mit einer eigenen Persönlichkeit“? Dann steht kein Gegenstand mehr vor mir. Dann steht ein Individuum vor mir, eine Seele. Und ja, das ist unbequem. Ich verliere meine bisherige Orientierung, denn ich kann nicht mehr vorhersagen, wie „die Katze“ sein wird. Ich kann nicht mehr vorbehaltlos auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die ich mit anderen Katzen gemacht habe. Ich muss fragen, wer diese eine ist, und ich muss abwarten, bis sie es mir zeigt. Das dauert länger und es verlangt, dass ich meine eigene Unsicherheit aushalte.
Die Würde der Seele ist unantastbar.
Mara Hoffmann
Was ist Würde – und haben Katzen sie auch?
Es gibt einen Satz, der uns wohlvertraut ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Er steht im Grundgesetz, Artikel 1, gleich zu Beginn. Wir sagen ihn oft, doch selten fragen wir danach, was er eigentlich meint.
Ich will ihn über eine Unterscheidung erklären, die wir im Alltag ständig treffen, ohne darüber nachzudenken: die zwischen etwas und jemandem. Eine Sache kann ich ersetzen. Wenn meine Tasse kaputtgeht, kaufe ich eine neue, und danach habe ich wieder eine Tasse. Es fehlt nichts. Bei einem Lebewesen geht das nicht. Wenn ein z.B. Mensch stirbt, kann ich keinen zweiten „anschaffen“, der dieselbe Lücke füllt, denn die Lücke hat die Form eben dieses einen Menschen. Genau das meint Würde. Jemand, der Würde besitzt, ist unersetzbar, weil es nichts Gleichwertiges gibt, durch das man ihn austauschen könnte.
Damit lässt sich auch die Frage beantworten, ob Wert und Würde dasselbe sind. Sie sind es nicht. Wert ist relativ. Etwas ist wertvoll für jemanden, es hat einen Nutzwert, einen Preis, einen Platz in einer Rechnung, und all das lässt sich gegeneinander aufwiegen. Würde ist Eigenwert. Sie hängt nicht davon ab, was ein Lebewesen für mich leistet, wie hübsch es ist oder wie gut es sich anfassen lässt. Nicht alles, was einen Wert hat, besitzt deshalb Würde. Was aber Würde besitzt, ist unersetzbar.


Das klingt nach Philosophie, steht aber tatsächlich in Gesetzbüchern. Die Schweiz hat den Begriff „Würde der Kreatur“ 1992 in ihrer Bundesverfassung verankert, und 2005 kam die „Würde des Tieres“ ins Schweizer Tierschutzgesetz. Dort wird sie ausdrücklich definiert als der Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Ein Wert, der dem Tier selbst gehört und den ihm niemand verleihen muss. In Deutschland sieht es etwas anders aus. Tiere gelten seit 1990 nicht mehr als Sachen, und der Tierschutz steht seit 2002 als Staatsziel im Grundgesetz. Geschützt wird damit allerdings die Idee des Tierschutzes. Das einzelne Tier, das vor Dir sitzt und Dich ansieht, kommt darin nicht vor.
Und damit sind wir wieder bei Minka Nr. 5. Diese Nummer im Namen sagt alles. Sie sagt, dass hier ein Etwas durch ein anderes ersetzt wurde und danach wieder eine Katze da war. Es fehlte nichts. So sieht es aus, solange ich ein Etwas vor mir habe. Die Würde der Katze hängt allerdings nicht davon ab, ob ein Gesetzbuch sie erwähnt oder ob ich sie bemerke. Sie ist da. Es ist allein meine Perspektive, die darüber entscheidet, ob ich sie sehe.
Jetzt, da das gesagt ist, kann ich Dir die Geschichte von unserer Minki erzählen und wie sie zu Lovis wurde.
Das Phantom der Oper
Minki war eine Fundkatze, die eines Tages im Garten eines Ehepaares auftauchte. Einige Zeit später verstarb jedoch der Mann und Minkis vorige Halterin zog in eine seniorengerechte Wohnung, in der keine Katzen erlaubt waren. Die Suche nach einem neuen Zuhause für Minki gestaltete sich schwierig und zog sich über ein Jahr hin. Niemand traute sich diese ängstliche Katze zu. Selbst Tierheime sagten ab. Minki war so scheu, dass Familie und Nachbarn ihr den Spitznamen „Phantom der Oper“ gegeben hatten. Sie verschwand, sobald ein Auto in die Einfahrt bog, jemand den Rasen betrat oder sich irgendetwas bewegte. Sie stand unter Dauerspannung und war schneller weg, als man hinsehen konnte. Minki war das, was man eine „echte Angstkatze“ nennt. Wer einmal versucht hat, eine Angstkatze zu verstehen, weiß, wie leise so eine Katze spricht und wie lange es dauern kann, bis sie einem glaubt.
Eine Nachbarin der Dame bat uns, Minki anzusehen, ob wir nicht aushelfen könnten. Wir könnten doch gut mit Katzen, und die Dame sei wirklich in Not. Als wir sie besuchten, hatte die Halterin Minki in den Keller gesperrt, damit sie nicht fliehen konnte. Sie war angespannt bis in die Haarspitzen, und in dem Moment, in dem wir eintraten, wollte sie fort. Ich blinzelte ihr langsam zu, setzte mich auf den Treppenabsatz und drehte mich ein Stück von ihr weg. Und Minki blieb sitzen. Die alte Dame war fassungslos. Das sei das erste Mal überhaupt gewesen, dass diese Katze nicht geflohen sei. Für sie war die Sache damit entschieden, und sechs Monate später zog Minki bei uns ein.
Ich wollte nie eine andere Katze aus ihr machen
In unserer heutigen Gesellschaft neigen wir dazu, bei Schwierigkeiten nach schnellen Lösungen zu suchen. Dann heißt es gerne „in 5 Tagen XY“ oder „3 Tipps gegen ABC“. Im Zusammenleben mit einer Angstkatze entsteht ebenfalls der Wunsch nach einer möglichst schnellen und einfachen Lösung. Man will, dass die Katze entspannter wird, sich anfassen lässt oder einfach „weniger Angst hat“. Diese Wünsche sind verständlich und nachvollziehbar. Auch ich habe den Wunsch, mit unserer Minki in eine tiefere Beziehung zu treten oder dass ihre Fellpflege einfacher wird. Aber die Frage, die hier eigentlich entscheidend ist, ist, ob ich in dieser Katze ein Problem sehe, das gelöst werden muss, oder einem Lebewesen begegne, das ich erst einmal kennenlernen darf.
Als ich Minki das erste Mal sah, sah ich in ihr keine Minka Nr. 5. Ich wollte verstehen, wer sie ist, und ihr helfen, die zu werden, die sie sein wollte – nicht nur sein könnte. Ich gab ihr damals ein Versprechen, dass ich alles mir Mögliche tun werde, um ihr zum Leuchten zu verhelfen. Sie war (und ist) mein kleiner Stern und ich wünsche mir für sie, dass sie glücklich ist.
Leicht war und ist das nicht. Wir sind ein recht lauter Haushalt mit Kindern und einem bunten Alltag. Unzählige Male dachte ich, dass wir ihr zu viel seien und sie woanders besser aufgehoben sei, bei jemandem mit einem ruhigen Haus, der/die „richtig“ mit ihr arbeitet. Ich habe auch mehrere Male versucht, ihr ein anderes Zuhause zu finden und dies in meinen Rückblicken ehrlich kommuniziert.
Ich schreibe das hier offen, weil ich weiß, dass viele Halter*innen diesen Gedanken kennen und sich dafür schämen. Wer über eine verantwortungsvolle Abgabe nachdenkt, liebt sein Tier in aller Regel sehr. Sonst würde ihn die Frage nicht nachts wachhalten. Dieses Ringen zeigt, wie wichtig einem das Tier ist. Letztlich blieb Minki bei uns und wird es auch bleiben. Denn obwohl sie sich in neuen Situationen immer mal wieder zurückzieht und aus der Ferne beobachtet, öffnet sie sich nach einiger Zeit und nimmt rege teil an unserem und ihrem Leben. Minki hat bei uns ein Wesen entwickelt, das kaum jemand für möglich hielt.
Zwischendurch hieß sie Marple
Dass Minki einen eigenen Namen brauchte, der ihr entspricht, wusste ich, seit ich sie kennengelernt hatte. Ich wusste nur nicht, welcher Name ihrer sein würde. Eines Tages kam die Idee bei uns auf, dass „Miss Marple“ ein geeigneter Name sein könnte. Ich wollte einfach erst einmal weg von „Minki“. Meinem Mann, der früher gerne die Filme von Agatha Christie schaute, gefiel der Name und die Vorstellung, dass Minki einige Eigenschaften der liebenswerten Figur teilte. Die Wahl zeigte ja auch etwas, nämlich dass Minki sich langsam aus ihrem emotionalen Versteck herausschälte.
Ich nannte sie Marple, aber es fühlte sich irgendwie seltsam an. Ich kann bis heute nicht genau sagen, woran es lag. Der Name war gut gemeint, aber irgendetwas daran gehörte nicht zu ihr. Rückblickend glaube ich, dass er eine andere Frage beantwortete als die, die ich hatte. „Miss Marple“ erzählte davon, was wir in ihr sahen. Er sagte nicht, wer sie ist. Als hätte ich sie Luna genannt, ohne zu wissen, ob sie Luna sei. Diese Zeit war für mich sehr herausfordernd, da ich zwischendrin immer wieder zweifelte, ob sie bei uns gut aufgehoben wäre. Darum wollte ich es als Zeichen nehmen, dass sie nicht nur bei uns bleiben wollte, sondern auch bereit sei, mit mir eine neue Beziehungsebene zu betreten, wenn sie mir ihren Namen sagte. Ich habe sie in all diesen Jahren übrigens nie gefragt, wie sie heißen soll. Ich habe sie gefragt, wer sie ist.
Katzen-Party
Bis vor Kurzem hatten wir ein Ritual, das bei uns Katzen-Party hieß. Dabei machte ich es mir abends auf dem Teppich gemütlich, und wer kuscheln wollte, kam, wer lieber in Ruhe irgendwo liegen wollte, lag eben in Ruhe da. Manchmal gab es Leckerli, aber meistens lagen wir einfach auf dem Boden. Für Menschen ist das eine ziemlich langweilige Party. Für Katzen ist es eine großartige Sache, denn es geht um genau das: die Ruhe und Gegenwart des anderen genießen und dabei jederzeit selbst entscheiden, ob oder wie man in Kontakt tritt. Ein Beobachten, ohne zu beobachten. Und für Marple war das wichtig.
An einem dieser Abende saßen Marple und ich in meinem Arbeitszimmer auf dem Boden. Sie saß vor mir und schaute mich an. Es fiel mir sehr schwer, innerlich ruhig zu sein. Ich fühlte mich ein wenig an die Szene aus „Die unendliche Geschichte“ erinnert, als die Kindliche Kaiserin Bastian anflehte, ihr einen Namen zu geben. Wie oft hatte ich Marple schon gebeten, mir ihren Namen zu sagen. Sie aber saß vor mir und schaute mich nur aus ihren großen Augen an.
Wir waren ungestört, und es gab nichts, was uns ablenkte. Ich erzählte ihr alles, was mich bewegte. Warum ich dachte, was ich dachte, was ich mir für sie wünschte, wie hilflos ich mir vorkam wegen all der Erwartungshaltungen und Verpflichtungen, die uns jeden Tag begegneten. Und dann fragte ich sie: „Wer bist Du? Sag mir Deinen Namen, damit ich weiß, wer Du bist.“ In Gedanken fügte ich hinzu „…und verstehe, ob Du bei uns bleiben willst.“ Sie schaute mich an und maunzte leise, zart und kaum hörbar. Mehr geschah nicht. Dann stand sie auf, kam zu mir, lehnte sich an, rieb sich an mir und sah mich wieder an. Es war überhaupt nicht spektakulär. Und dann kam der Gedanke. Es war nur ein Wort.
Lovis.
Ich versuche gar nicht erst, das zu erklären. Ich weiß nur, dass es saß. Alles war auf einmal klar. Lovis, die berühmte Kämpferin. Minki hatte gekämpft, bevor sie zu uns kam, Marple hat weitergekämpft, während sie ankam, und Lovis hat gewonnen.
Der Name hat sie nicht zu Lovis gemacht. Sie war es längst, und zwar von dem Tag an, an dem sie geboren wurde. An ihr hat er nichts verändert. Verändert hat er, was ich sehe. Denn in dem Moment, in dem ich sie beim Namen nannte, saß vor mir kein Exemplar einer Art mehr. Es saß dieses eine Wesen dort, mit seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Empfindlichkeit und seinen eigenen Vorstellungen davon, wie nah ihr jemand kommen darf. Der Satz war performativ, so wie das Wort über das schwierige Kind. Er wirkte nur in die andere Richtung, nämlich auf mich.
Was Lovis mich gelehrt hat
Eine Katze wird nicht dadurch jemand, dass wir ihr einen Namen geben. Sie war immer schon jemand. Der Name jedoch ist unsere Antwort auf die Begegnung mit ihr. Damit meine ich ihren eigenen Namen, den, den die jeweilige Katze mir gezeigt hat und der von ihr erzählt statt von mir, und ein solcher Name bleibt nicht folgenlos. Wer ihn ausspricht, erkennt damit an, dass da jemand sitzt, dem etwas gehört, was ihm niemand verleihen muss: sein Eigenwert. Von diesem Moment an richtet sich die ganze Beziehung anders aus. Ich rede anders mit ihr. Ich entscheide anders für sie – nicht über sie. Sie wird meine Schutzbefohlene, mit der ich eine Beziehung auf Augenhöhe führe. Und ich nehme ernst, was sie mir sagt.
Diese Würde hängt an keiner Bedingung. Sie ist nicht daran geknüpft, ob eine Katze freundlich ist, ob sie mit Kindern zurechtkommt oder ob sie in unser Bild von einem Haustier passt. Sie ist von Anfang an da, weil eine Seele ist. Würde muss nicht verdient werden. Damit ist eine Katze kein Projekt, das man abarbeitet, keine Aufgabe, die erledigt werden will, kein Gegenstand und auch kein Besitz. Sie ist jemand.
Das heißt nicht, dass es keine Grenzen gäbe, dass eine Katze alles dürfte oder ich sie vermenschliche. Ein Zusammenleben braucht Rücksicht und Klarheit gegenüber den Bedürfnissen, der Wahrnehmung und den Grenzen aller Beteiligten. Aber der Boden, auf dem das alles steht, verändert sich. Ich begegne keinem Wesen, das erst funktionieren muss, um dazuzugehören. Ich teile mein Leben mit einem Wesen, das eine eigene Persönlichkeit ist und ein Recht darauf hat, dass ich ihm meine Welt auf seine Weise erkläre und meine Fürsorge verantwortungsvoll ausübe.



Lovis hat mir außerdem geholfen, etwas zu benennen, das vorher nur ein Gefühl war. Ich hatte lange nicht sagen können, warum ich mit Katzen so arbeite, wie ich es tue. Ich wusste nur, dass sich vieles falsch anfühlte, was empfohlen wurde. Erst durch sie habe ich das Wort für meine Haltung gefunden, und dieses Wort heißt Würde.
Bei uns zu Hause heißt sie übrigens immer noch Minki. Gewohnheit ist zäh, und meine Familie hat ihren Namen ‚Lovis‘ noch nicht gänzlich übernommen. Auf Lovis reagiert sie, und ich habe den Eindruck, es gefällt ihr wirklich besser, wenn ich sie so anrede.
Jeder braucht einen Namen
Ich denke oft an die Minka Nr. 5 und die Selbstverständlichkeit, mit der eine Katze zu einer Ausgabe in einer Reihe wird. Wenn ich diese hier nicht will, hole ich mir eine andere, es gibt ja genug. Leider beobachte ich das sehr häufig, dass so gedacht und mit Katzen umgegangen wird. Ein Tier ist nichts, das man ersetzt. Es ist jemand, den man kennenlernt. Und wer eine Katze für austauschbar hält, sagt damit am Ende mehr über sich selbst als über die Katze. Deshalb bekommt bei uns jedes Tier seinen eigenen Namen. Einen, der zu ihm gehört und zu keinem anderen. Manchmal weiß man ihn sofort. Und manchmal fragt man jahrelang und wartet, bis das Tier bereit ist, ihn einem zu sagen.
Vielleicht magst Du Deiner eigenen Katze heute Abend, wenn es ruhig geworden ist, einmal begegnen. Sieh sie Dir an und frag Dich, wer da eigentlich mit Dir lebt. Wen siehst Du?
Wenn Dich diese Frage nicht loslässt, magst Du vielleicht meinen Newsletter. Einmal in der Woche schreibe ich darin über das Zusammenleben von Katze, Kind und Mensch, über Verhalten, das plötzlich Sinn ergibt, und über Momente wie den mit Lovis, in denen sich der Blick verschiebt.





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