Stell Dir vor, Du lebst in einem Haus, in dem Du nie weißt, was als Nächstes passiert. Jemand ruft laut Deinen Namen – nicht böse, nur laut. Jemand greift nach Dir, wenn Du gerade schläfst oder einfach vorbeigehst. Die Geräuschkulisse wechselt von still auf Vollgas, ohne Vorwarnung. Du kannst nicht rausgehen. Du kannst nichts selbst entscheiden, was oder wann du in Ruhe isst oder auf Toilette gehst. Ob Du Dich ausruhst oder etwas zum Zeitvertreib tun kannst. Du würdest Dich anpassen. Irgendwie. Eine Weile. Bei all dem sollst Du freundlich sein und eine entspannte Stimmung ausstrahlen, so als würde nicht nur alles ok sein, sondern Du sollst ausstrahlen, als sei es das schönste Leben, dass Du Dir vorstellen kannst.
Was ich hier skizziert habe, beschreibt den Alltag vieler Katzen in Familien mit Kindern und es beschreibt, warum selbst eine entspannte, freundliche Katze irgendwann beginnt, sich zurückzuziehen oder nach vorne zu preschen. Dabei erzählt Deine Katze Dir jeden Tag, wie es ihr geht. Doch wenn sie nicht gehört und verstanden wird, dann reagiert sie irgendwann – und wird dafür meist noch beschimpft.
Ich will weder den Teufel an die Wand malen, noch jemanden an den Pranger stellen. Denn oft genug liegt der Grund für Minkis verschwinden oder Simbas Beißen an falschen Erwartungshaltungen, die wir unserer Katze entgegenbringen. Diese Erwartungshaltungen sind historisch und gesellschaftlich gewachsen und eng miteinander verwoben. Doch halten sie den Bedingungen unserer heutigen Lebensweise nicht mehr Stand. Unsere veränderte Lebensweise bedingt einen anderen Blick auf das Zusammenleben mit Katzen, insbesondere in Familien mit Kind. Und darum geht es in diesem Artikel.
Dir gefällt, was Du liest? Verpasse keinen Blogartikel mehr von mir – abonniere meinen Newsletter!
Kurz und knapp: Damit Deine Katze sich in einer Familie mit Kind wirklich sicher fühlen kann, braucht sie sechs Dinge: einen Ort, an dem sie ungestört ist, Ressourcen, die sie stressfrei erreicht, tägliches Jagdspiel, selbstbestimmten Kontakt, vorhersehbare Abläufe und eine Umgebung, die nach ihr riecht. Fehlt eines davon dauerhaft, entsteht Stress – oft lange bevor Du es merkst. Chronischer Stress führt zu auffälligem Verhalten: z.B. Rückzug, Aggression oder Unsauberkeit. Dieser Artikel zeigt Dir, was Du jetzt tun kannst.
Warum tut meine Katze das?
Damit das Folgende Sinn ergibt: Katzen sind evolutionär sowohl Jäger als auch Beutetiere. Ihr Nervensystem scannt die Umgebung konstant. In einem vorhersehbaren Umfeld fährt es herunter. In einem unberechenbaren bleibt es dauerhaft aktiviert. Das ist der Hintergrund, vor dem diese fünf Bedürfnisse zu verstehen sind.
Katzen sind sowohl Jäger als auch Beutetiere. Ihr Nervensystem ist darauf ausgelegt, die Umgebung konstant zu scannen, Veränderungen sofort wahrzunehmen und blitzschnell zu reagieren. Dieses Vorgehen hat ihr über Jahrhunderte das Überleben gesichert und ist fester Bestandteil ihrer DNA.
In einem vorhersehbaren, ruhigen Umfeld kann Deine Katze dieses Überlebensprogramm herunterregeln. Sie entspannt, findet erholsamen Schlaf und kommt mit Neugier zu Dir.
In einem unberechenbaren Umfeld bleibt das Nervensystem dauerhaft aktiviert. Deine Katze schläft an versteckten Orten. Sie frisst hastig und geht sofort wieder weg. Sie lässt sich weniger anfassen. Das sind Anzeichen für (chronischen) Stress. Chronischer Stress hinterlässt Spuren im Verhalten, in der Gesundheit und in der Beziehung zu ihrem Umfeld.
Wenn wir also fragen, warum Deine Katze tut, was sie tut, dann müssen wir eigentlich fragen, was Deine Katze braucht, um sich sicher zu fühlen. Konkret: Was braucht Deine Katze, damit ihr Nervensystem zur Ruhe kommen kann?
Die sechs Säulen für eine katzengerechte Umwelt
Die FelineVMA (ehem. AAFP) und die ISFM – zwei der wichtigsten Fachorganisationen im Bereich Katzengesundheit und -verhalten – haben in ihren gemeinsamen Leitlinien (PDF) fünf Säulen für eine artgerechte Umwelt beschrieben, die für das Wohlbefinden jeder Katze essenziell sind. Im Einzelnen sind das folgende Pfeiler:
Säule 1: Ein sicherer Rückzugsort
Erhöhte Plätze wie ein oberes Fach im Regal oder die Schrankoberseite sind dafür gut geeignet. Von oben hat Deine Katze einen guten Überblick über ihre Umgebung, ohne selbst gesehen oder erreicht zu werden. An diesem Ort sollte Deine Katze immer absolut ungestört sein. D.h., dass Dein Kind sie nicht erreichen kann und auch Du diesen Ort als Rückzugsort respektierst und Deine Katze nur im Notfall dort aufsuchst. Entscheidend ist die Verlässlichkeit: Wenn meine Katze dort ist, kommt niemand hin.
Für Familien mit Kindern ist dies eine klare Regel, die konsequent gelebt wird. Kinder ab etwa drei Jahren können sie durch Wiederholung und Vorbild lernen. Erklären kannst Du das mit Worten wie „Luna schläft gerade. Wir lassen sie in Ruhe.“ So schlicht. So wirksam.

Es gibt aber auch andere Rückzugsorte, die Deine Katze aufsucht, jedoch nicht absolut konsequent gemieden werden brauchen: z.B. das Schlafzimmer. Da dieser Ort auch für Dein Kind wichtig ist, sollte ihm die Tür dahin nicht verschlossen bleiben. Deine Katze wird schnell verstehen, dass dieser Ort zwar Rückzug bedeutet, aber eben nicht im Sinne von absoluter Ungestörtheit. Sie wird ihn aufsuchen, wenn es ok für sie ist, dass jemand zu ihr kommt. Will sie absolut ungestört sein, wird sie ihren anderen Liegeplatz wählen, der ihr diese ungestörte Ruhe bedeutet.
Im Wohnzimmer oder anderen Räumen bieten sich ebenfalls erhöhte Liegeflächen oder auch Kratzbäume, Kartons, die Transporttasche oder andere Kisten an, in die Deine Katze leicht rein- und wieder herauskommt. Gut ist es außerdem, wenn diese Orte leicht gepolstert sind, um sowohl Behaglichkeit zu gewährleisten und weil Deine Katze durch die Polsterung die Grenze ihres eigenen Körpers und damit sich selbst spürt.
Säule 2: Ressourcen, die wirklich erreichbar sind
Futter, Wasser, Katzentoilette, Schlafplatz, Kratzmöglichkeiten – all das sollte Deine Katze erreichen können, ohne sich in Sackgassen wiederzufinden oder dabei durch Bereiche zu müssen, die ihr Stress verursachen.
Das klingt selbstverständlich, ist es im Familienalltag aber selten. Der Wassernapf steht neben der Kindergartentasche, die täglich mit Schwung abgestellt wird. Das Futter steht in der Küche, genau dort, wo mittags Chaos herrscht. Die Katzentoilette ist im Bad, in dem die Waschmaschine oder Toilettenspülung dauernd läuft oder steht neben den Mülleimern, die erst zum Abend geleert werden und bis dahin vor sich hin duften. Du verstehst, was ich meine.
Eine Katze, die ihre Ressourcen nicht stressfrei erreichen kann, trinkt und frisst zu wenig bzw. zu hektisch und ruht sich nicht aus. Die Folgen zeigen sich nicht sofort, wirken sich aber langfristig aus. Und wenn sich Magen-Darm-Komplikationen oder auffällige Nieren ankündigen, stellt man oft nicht die Zusammenhänge her, da es bis dahin ja „geklappt“ hatte mit allem. Deine Katze hat getrunken, sie hat gefressen, ging zur Toilette. Nur war das ein Leben in Anspannung und bleibt nicht ohne Folgen.
Ich verstehe Familien, die völlig überrascht sind, wenn ihre Katzen ein Verhalten zeigt, dass so gar nicht zu ihrem bisherigen Verhalten passt. Das kann sein, dass sie unsauber wird, kratzt oder beißt, sich nur noch zurückzieht oder sogar eine Tages wegläuft. Es scheint wie aus heiterem Himmel zu kommen. Doch das stimmt nicht. Eine Katze duldet sehr lange und weist still auf den Missstand hin. Nur, wenn das Maß voll ist, dann kann sie nicht mehr und reagiert entsprechend ihres angespannten Nervensystems.
Eine Duldung ist keine Zustimmung und darf nicht als solche fehlinterpretiert werden. Katzenhaltung ist anspruchsvoll und geht mit Verantwortungsbewusstsein einher, wie für jedes Lebewesen auch. Kinder können lernen, verantwortungsbewusst mit Tieren umzugehen. Das ist sogar ein wertvoller Teil ihrer Entwicklung. Doch wie viel Verantwortung ein Kind tragen kann, hängt von seinem Alter und Entwicklungsstand ab. Den Rest – und das ist oft mehr, als wir annehmen – trägt die erwachsene Person. Das gilt auch dann, wenn die Katze ursprünglich der ausdrückliche Wunsch des Kindes war
Wenn Du den Eindruck hast, dass es in Deinem Rudel nicht so harmonisch läuft, wie Du Dir das gerne wünscht, dann lies Dir meinen Artikel zum Thema Mobbing unter Katzen durch. Darin gehe ich einerseits auf den Begriff an sich ein und erkläre andererseits, was wirklich hinter den Konflikten steckt.
Säule 3: Jagd, Spiel, kognitive Auslastung
Katzen sind keine Dekoration. Sie sind Jäger und gleichzeitig Beute. Ihr Wohlbefinden hängt davon ab, dass sie diesen Teil ihres Wesens täglich ausleben dürfen.
Als Katzenhalter*innen müssen wir verstehen, dass Katzen nicht auf Abruf spielen, wenn wir es wollen. Sie durchleben einen Tagesrhythmus mit unterschiedlichen Aktivitätsphasen, während derer sie ruhen, essen oder jagen. Dabei ist der Jagdimpuls ein eigenständiger innerer Drang und nicht unbedingt vom Hungergefühl abhängig. Will heißen, dass Deine Katze bereits kurz nach einer Mahlzeit wieder losgeht und jagt, obwohl sie satt ist.
Das Jagdverhalten einer Katze unterschiedet sich dabei unterschiedlich stark von dem einer anderen und wird v.a. durch frühkindliche Erfahrungen und den Gelegenheiten zum Üben beeinflusst. Katzen lauern nicht nur. Sie beobachten, schleichen, sprinten, pföteln und hören auf, wenn sie genug haben. Fünf bis zehn Minuten echtes Jagdspiel, zwei- bis dreimal täglich, sind wirksamer als eine halbstündige Aktion, bei der die Katze nach zwei Minuten wegschaut.
Wenn Deine Katze kein Interesse am Spiel hat, solltest Du aufhorchen: Desinteresse kann ein Hinweis darauf sein, dass Deine Katze z.B. krank ist und Schmerzen hat oder Dein Jagdspiel sie nicht genug reizt. Der Grund dafür ist sehr einfach: Eine Katze jagt, um zu überleben. Eine Katze, die nicht jagt, überlebt folglich nicht. Katzen spüren innerlich den Drang bis ins hohe Alter zu jagen, weil es als in ihrer DNA verankert ist. Spielt Deine Katze nicht, gehe dem unbedingt nach!
Eine Katze, die nicht spielt, ist ein Red Flag – ein Alarmsignal, dass etwas nicht ok ist!
Ein gutes Jagdspiel besteht aus mehreren Phasen und benötigt unbedingt ein Ende, bei dem Deine Katze runterfahren kann. Andernfalls riskierst Du, dass sie noch mit voller Energie mit ihrer Mitkatze, Deinem Kind oder Dir aneinander gerät.
Auch wenn Eltern gerne ihre Kinder zum Spielen mit der Katze schicken, liegt die Verantwortung für Deine Familienkatze bei Dir als Erwachsener. Damit bist Du auch die Person, mit der Deine Katze in der Regel spielt und spielen sollte. Dein Kind kann je nach Alter und Entwicklungsstand dabei sein als Beobachter oder mit klarer Anleitung. Wenn Du die Angel schwingst, schaut Dein Kind zu und lernt nebenbei, wie Deine Katze sich bewegt: wann sie kommt, wann sie aufhört, wann sie genug hat. Wenn Dein Kind die Angel schwingt, solltest Du ihm vorher ausführlich und kindgerecht zeigen, was es wann wie tun sollte – und dabei bleiben und beobachten, um ggf. eingreifen zu können. Im Jagdspiel durchlebt eine Katze ihre tiefsten Instinkte und verliert den Blick für ihr Umfeld. Sie fokussiert sich auf die Beute und das kann mitunter für plötzlich den Raum betretende oder bereits anwesende Mitbewohner schmerzhaft enden.

Säule 4: Positive Interaktion mit Deinem Kind
Das ist der Pfeiler, der in Familien mit Kindern am häufigsten aus dem Gleichgewicht gerät und der am stärksten darüber entscheidet, ob Deine Katze langfristig entspannt bleibt oder die Situation eskaliert.
Katzen entscheiden selbst, wann und wie viel Nähe sie möchten. Wenn Interaktion immer von außen initiiert wird, wenn die Katze nie die Wahl hat, näherzukommen oder fernzubleiben, verliert sie das Gefühl von Kontrolle über die eigene Situation. Kontrollverlust ist für eine Katze kein abstraktes Konzept. Es ist ein handfester Stressfaktor, der ihr Verhalten und ihre Gesundheit beeinflusst. Was wirklich hilft, ist, nicht die Katze zum Kind bringen, sondern sich ruhig hinsetzen und Dein Kind warten lassen, bis Deine Katze kommt. Je nach Alter und Temperament Deines Kindes wird es Deine Unterstützung dafür benötigen. Um es ihm leichter zu machen, biete ihm ein visuelles Hilfsmittel wie ein Handtuch oder das Sofa an, auf welches es sich setzt. Deine Katze wird bald feststellen, dass z.B. dieses Handtuch, wenn Dein Kind darauf sitzt, bedeutet, dass Dein Kind Nähe zur Katze wünscht. Das erleichtert es Deiner Katze zu entscheiden, ob sie Nähe zulassen will oder nicht.
Zum Üben, ab ca. 3 Jahren: Nehmt ein Handtuch und legt es auf dem Boden aus. Setzt Euch ruhig auf den Boden. Keine ausgestreckten Arme, kein direkter Blickkontakt – direktes Anstarren ist für Katzen ein Warnsignal. Wartet. Wenn Deine Katze kommt und schnuppert, lasst sie euch weiter erkunden. Wenn sie ihr Köpfchen dreht und euch die Oberseite zeigt, ist das ihr Ok, dass ihr sie streicheln dürft. Dein Kind darf langsam mit einem Finger von unten kommend an der Wange Deiner Katze entlang streicheln. Wenn Deine Katze weggeht, ist das ok, dann war es genug. Das einvernehmliche Aufhören gehört dazu und gibt Deiner Katze das Gefühl, dass die Kontaktaufnahme sicher ist. Sie wird sich künftig bereitwilliger auf dieses Kennenlernen einlassen.
Säule 5: Vorhersehbarkeit im Alltag
Diese Säule ist meine persönliche Ergänzung der AAFP/ISFM-Leitlinien. In der Beratungspraxis erlebe ich sie als Voraussetzung für Säule 6, deshalb füge ich sie hier bewusst ein.
Deine Katze braucht vorhersehbare Muster, Strukturen und Abläufe, auf die sie sich verlassen kann. Dazu gehören relativ feste Fütterungszeiten und ruhige Phasen nach lauten Momenten. Sie signalisieren ihr: Das kenne ich, das ist sicher. In einem Familienhaushalt lässt sich vieles nicht kontrollieren, aber diese Ankerpunkte lassen sich gestalten und machen einen Unterschied, der messbar ist: Eine Katze, die in einer angenehmen und vorhersehbaren Umwelt lebt, fühlt sich sicher und kann Raum einnehmen bzw. wird präsent in ihrem Umfeld. In diesem Rahmen baut sie häufig eine ausgewogene Resilienz auf und ist sie eher bereit, Trubel zu tolerieren oder Kontakt aufzunehmen.
In einem Kinderhaushalt ist selten alles vorhersehbar und findet dagegen viel Trubel statt. So lange Deine Katze in ihrem Grundwesen stabil ist und die Rahmenbedingungen passen, ist dem nicht viel entgegenzusetzen. Mangelt es jedoch an einer Stelle und das über eine längere Zeit, entsteht eine Schieflage, die sie irgendwann nicht mehr kompensieren kann. Da hilft alle aufgebaute Resilienz nichts. Daher weise ich an dieser Stelle noch einmal auf Deine Verantwortung als Erwachsener hin, stets die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Auge zu behalten. Führe gerne Notiz darüber, um Fakten zu sammeln, auf die Du Dich bei Bedarf berufen kannst. Wir erinnern uns stark emotional und selektiv an Ereignisse und uns entgehen damit manch wertvolle Details.
Wenn Du Dir unsicher bist, wo Du anfangen sollst, kann Dir mein 12-Wochen-Fokusplan mit kostenfreiem Download helfen. Wenn Du lieber über eure Situation sprechen willst und eine fachliche Einschätzung wünschst, dann buche Dir hier eine Katzensprechstunde, in der wir auf Deine Fragen eingehen und Du Klarheit gewinnst für Deine nächsten Schritte.
Säule 6: Eine Umwelt, die Sinne respektiert
Anders als Menschen nehmen Katzen ihre Umwelt zu einem großen Teil über Geruch und chemische Signale wahr. Dabei nutzen sie zwei Systeme: die Nase für Gerüche und das sog. Jacobson’sche Organ – ein akzessorisches Geruchsorgan am harten Gaumen – für Pheromone. Diese chemischen Botenstoffe übertragen Informationen zwischen Katzen, aber auch zwischen einer Katze und ihrer Umgebung.
Wenn Deine Katze ihr Gesicht an einem Möbelstück reibt oder mit den Pfoten kratzt, hinterlässt sie neben sichtbaren Spuren auch Gerüche. Dies ist ein Zeichen dafür, dass Deine Katze sich sicher genug fühlt, um ihr Umfeld als ihr Zuhause einzunehmen. Sie schreibt: Hier bin ich. Das ist mein Zuhause. Und so geht es mir. Da Gerüche schnell verfliegen, wiederholt Deine Katze das Auftragen ihrer Markierungen. Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Tagesablaufs und gleichzeitig enorm wichtig, um das Zuhause weiterhin als ihr Zuhause zu verstehen.

Es kommt allerdings häufig vor, dass Katzen an Stellen kratzen, die uns nicht recht sind. Manchmal dient das Kratzen dem Abbau von Stress oder Anspannung. Beobachte daher die Situationen, in denen Deine Katze an unerwünschten Stellen kratzt und notiere sie Dir – am besten geordnet mit Datum und Häufigkeit (Strichliste). Außerdem schau Dir die Alternativen an, die Du Deiner Katze bietest: Wie einladend sind sie? Stehen sie an den für Deine Katze wichtigen Stellen? Für einen Mehrkatzenhaushalt ist außerdem wichtig, wie viele Markierorte zur Verfügung stehen, sodass jede Katze sich geruchlich wiederfindet.
Wir unterschätzen leider zu oft den Geruchssinn unserer Katzen, was häufig zu Streitigkeiten im Rudel oder zwischen Katze und Kind führt. Zudem wird im Alltag die Geruchswahrnehmung oft unbewusst gestört: parfümierte Reinigungsmittel, neue Möbel, Schuhe und Einkaufstaschen aus fremden Umgebungen direkt im Eingangsbereich, häufig gewaschene Schlafdecken oder die Heimkehr nach Tierarztbesuchen. Für uns Menschen mag manches noch erträglich sein, für Deine Katze ist es fremd und damit potentiell gefährlich. Und was gefährlich ist, führt zu Stress und Deine Katze reagiert entsprechend ihrer persönlichen Natur mit Rückzug oder Angriff.
Was passiert, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind
Nichts Dramatisches. Zunächst jedenfalls. Deine Katze zieht sich meist etwas mehr zurück. Sie schläft an anderen Orten. Sie kommt seltener ins Wohnzimmer. Vielleicht beginnt sie, sich häufiger über die Nase zu lecken oder sich intensiver zu putzen als sonst. Überputzen ist ein klassisches Stresssignal, das oft als Reinlichkeit missverstanden wird. Sie trinkt mehr oder weniger als gewohnt. Sie lässt sich weniger anfassen.
Werden diese Signale über Wochen und Monate nicht gehört, entsteht chronischer Stress. Und der zeigt sich irgendwann deutlicher: als Unsauberkeit, übermäßiges Miauen, Kratzen oder Beißen ohne erkennbaren Auslöser, als körperliche Erkrankung. Blasenprobleme bei Katzen zum Beispiel sind häufig stressbedingt – das ist medizinisch gut belegt. Leider gehen viele Halter*innen nicht sofort zum Tierarzt, um ihre Katze physiologisch abzuklären – und noch seltener suchen sie Verhaltensberater auf, um sie psychologisch zu unterstützen. Das klingt ernst und ist es auch. Aber es ist kein Grund zur Panik, sondern ein Grund, früh hinzuschauen und verantwortungsbewusst zu handeln.
Wann zum Tierarzt oder zur Verhaltensberatung? Wenn Du bei Deiner Katze mehrere dieser Veränderungen über mehr als zwei Wochen beobachtest – verändertes Fress- oder Trinkverhalten, Unsauberkeit, übermäßiges Putzen, Rückzug, Aggression – dann ist ein Besuch beim Tierarzt der erste Schritt. Körperliche Ursachen müssen ausgeschlossen werden, bevor Verhalten gedeutet wird. Wenn medizinische Gründe ausgeschlossen sind und das Verhalten anhält, ist eine Verhaltensberatung der nächste Schritt.
Fazit: Was Du jetzt tun kannst – und solltest
Fang mit einer Frage an, die Du Dir ehrlich stellst: Welche dieser sechs Säulen einer katzengerechten Umwelt sind bei euch wirklich erfüllt – und welche nicht?
Sei an dieser Stelle bitte ehrlich und konkret. Hat Deine Katze einen Rückzugsort, der wirklich ungestört ist? Kann sie ihre Ressourcen stressfrei erreichen? Entscheidet sie selbst, wann sie Kontakt möchte? Diese Fragen sind ein Anfang, um das Zusammenleben Deiner Katze mit euch zu erleichtern. Oft reicht eine kleine Veränderung, um das Gleichgewicht spürbar zu verschieben. Bei alledem brauchst Du aber keinen Druck verspüren: Deine Katze spürt, dass sich etwas in Dir ändert, dass Du nachdenkst und Dich um sie kümmerst. Und doch mögen Katzen keine abrupten Veränderungen, selbst, wenn sie zu ihrem Besten geschehen. Daher: Wir haben Zeit. Gehe einen Schritt nach dem anderen, beginnend bei dem für Deine Katze wichtigsten Mangel. Die Reihenfolge der oben beschriebenen Säulen bietet Dir eine gute Orientierung. Und wenn alles fein ist, dann freue Dich und genieße es! Ihr habt gute Voraussetzungen, für ein harmonisches Miteinander, selbst wenn es mal zu Missverständnissen kommt.
Im nächsten Artikel schauen wir auf Dein Kind: Was kann es in welchem Alter wirklich leisten und was ist entwicklungsbedingt noch nicht möglich?
Dieser Artikel ist eine Fortsetzung zu: Warum es zwischen Katze und Kind nicht klappt und was das mit Verstehen zu tun hat.
Du merkst, dass da mehr ist – mehr zu verstehen, mehr zu entdecken, mehr Leichtigkeit, die möglich wäre?
In einem persönlichen Gespräch schauen wir gemeinsam auf Deine Situation – Deine Katze, Dein Kind, Dich und euren Alltag. Hinterher hast Du Klarheit und weißt, welcher für euch der nächste Schritt ist.





0 Kommentare