Es ist eine alltägliche Szene: Du hast den Tisch gedeckt und Deine Katze sieht Dir aus der Ferne zu. Kaum drehst Du Dich um, springt sie rauf und beugt sich neugierig übers Essen. Du drehst Dich um und scheuchst sie runter. Dein Kind schaut Dich mit seinen großen Kulleraugen an, dann fällt Dein Kommentar: „Typisch Katze. Das macht sie extra. Sie wird noch lernen, wer hier das sagen hat.“
Traurigerweise habe ich diesen Satz so und ähnlich schon öfters gehört. Doch weißt Du was? Dahinter steckt eine verbreitete Annahme, die jedoch kaum ferner der Realität sein kann.
Eine Katze lässt sich nicht einfach dominieren – und sie wird niemals im klassischen Sinne gehorchen. Das irritiert. Es fühlt sich fremd an und fordert uns heraus. Denn es berührt eine Frage, über die wir im Alltag selten bewusst nachdenken: Wie verstehen wir eigentlich Führung?
Gerade am Internationalen Weltfrauentag lohnt sich diese Frage besonders. Denn unsere Vorstellungen von Machtverhältnissen, Gehorsam und Autorität wirken nicht nur im Umgang mit Tieren, sondern sie prägen auch, wie Menschen miteinander leben.
In diesem Artikel will ich deshalb mit Dir beleuchten, was Katzen uns über Macht beibringen. Ich will mit Dir über Kontrolle, Führung und Denkstrukturen sprechen, über die wir sonst weniger nachdenken – einfach, weil es genauso wichtig wie auch äußerst interessant ist.
Sind Hierarchien das Problem?
Wenn wir über Macht sprechen, denken viele Menschen sofort an Hierarchien oder Rangordnungen im Sinne von „oben“ und „unten“. Doch eine Hierarchie ist zunächst nichts anderes als eine Struktur. Sie beschreibt, wie Verantwortung, Einfluss oder Entscheidungsbefugnisse innerhalb einer Gruppe verteilt sind. Eine Hierarchie kann Druck und Angst erzeugen. Sie kann aber auch stabilisieren, Orientierung geben oder helfen, Konflikte zu reduzieren.
Hierarchien können sehr unterschiedlich gestaltet sein. Manche sind stark vertikal organisiert: Einfluss konzentriert sich an wenigen Stellen, Entscheidungen werden von oben nach unten weitergegeben. Andere Strukturen funktionieren eher horizontal: Verantwortung verteilt sich auf mehrere Personen, Entscheidungen entstehen stärker aus Abstimmung und Kooperation. Interessanterweise tragen Menschen Konflikte auf unterschiedliche Weise aus. Manche klären sie direkt und offen, also vertikal ausgerichtet. Andere reagieren stärker über Beziehungsmuster innerhalb einer Gruppe, etwa über Distanz, Bündnisse oder subtile Abgrenzung und damit horizontal ausgerichtet. Beide Formen finden sich in menschlichen Gemeinschaften immer wieder. Entscheidend ist deshalb nicht allein die Existenz einer Hierarchie, sondern wie sie aufgebaut ist und wie Macht innerhalb dieser Struktur ausgeübt wird.
Was ist Macht?
Vereinfacht ausgedrückt beschreibt Macht die Fähigkeit, das Verhalten anderer zu beeinflussen.
In diesem Sinne üben wir alle irgendwann Macht aus. Wenn wir Kinder erziehen, in der Schule unterrichten, Mitarbeiter*innen einarbeiten, Waren an der Kasse scannen, Haare schneiden oder Tiere halten, bewegen wir uns immer in einem Feld gegenseitiger Einflussnahme und damit Machtausübung. Dabei lassen sich grob zwei Formen unterscheiden:
Macht kann kontrollierend ausgeübt werden und basiert in dem Fall auf Über- und Unterordnung. Sie arbeitet mit Kontrolle, Druck, Angst oder Sanktionen und erwartet Gehorsam. Ihre Rahmenbedingungen sind relativ eng gesetzt und eine Öffnung zur Mitsprache und Mitgestaltung ist nur selten und begrenzt möglich. Wir finden die kontrollierende Macht in vertikal hierarchisch organisierten Gesellschaften, die zentralistisch aufgestellt sind.
Kooperative Machtausübung funktioniert anders. Sie basiert auf Beziehung, Vertrauen und freiwilliger Zusammenarbeit. Orientierung und Struktur bleiben wichtig, aber sie entstehen in gemeinsamer Abstimmung und dienen als Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich jeder frei bewegen darf. Kooperative Machtausübung setzt ein gewisses Maß an Eigenverantwortung und Selbstregulation voraus und nutzt keinesfalls körperliche oder kognitive Asymmetrieen aus. Kooperierende Machtausübung finden wir sowohl in vertikal organisierten Strukturen, nämlich dort, wo Aufgaben delegiert und „Teamplay“ anvisiert wird als auch in horizontal organsisierten Strukturen.
Diese Unterscheidung wird besonders deutlich, wenn wir auf ein Tier blicken, das sich unserer Kontrolle nur begrenzt unterordnet: die Katze.
Sie ist das beliebteste Haustier in Deutschland und treibt nicht selten ihre Menschen zur Verzweiflung. Heute erfährst Du nicht nur warum, sondern auch, wie Du entspannter mit Deinem Stubentiger leben kannst. Spoiler: Es ist eine Frage der Macht und wie Du Deine Macht nutzen willst.
Katzen und Macht – warum Dominanz bei Katzen nicht funktioniert
Hauskatzen besitzen keine streng vertikal organisierten Sozialstrukturen, wie sie etwa bei Wölfen oder auch bei vielen Haushunden angenommen wurden. Ihre sozialen Beziehungen und damit die Toleranz gegenüber Artgenossen gestalten Katzen nach dem, wie ihr Umfeld mit den für sie wichtigen Ressourcen ausgestattet ist und auf Basis bisher gemachten Erfahrungen mit anderen Lebewesen. Auch die Bereitschaft einer Katze zur Kooperation entsteht aus dem Vorhandensein von Ressourcen und ihrem persönlichen Sicherheitsempfinden. Das bedeutet, dass ein Mangel an Ressourcen wie z.B. Raum, Nahrung, Wärme oder Abwechslung mit der Zeit dazu führt, dass Katzen sowohl unwilliger sind, mit ihrem Menschen zusammen zu arbeiten, als auch ihr Zuhause zu teilen. Der Verhaltensforscher Paul Leyhausen beobachtete über viele Jahre kätzisches Verhalten und beschrieb ihre sozialen Beziehungen als differenziert und flexibel statt als starre Rangordnung. Auf dieses spannende Thema werde ich in einem eigenen Artikel noch ausführlicher eingehen.
I.d.R. versuchen Katzen offene Konflikte und Kämpfe zu vermeiden und regulieren ihr Zusammenleben über Abstand, Körpersprache und subtile Signale. Wo eine Katze versucht, eine andere dauerhaft zu kontrollieren, entsteht Spannung. Die unterlegene Katze zeigt Stresssignale, z.B. dass sie bestimmte Räume meidet, schlechter frisst oder sich vermehrt zurückzieht. Stabil wird ein Mehrkatzenhaushalt deshalb nicht durch mehr Kontrolle darüber, wer wann wohin Zugang hat, sondern durch gegenseitige Anpassung und Koordination. Katzen teilen Räume, Zeiten und Ressourcen untereinander je nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben auf. Eine Katze nutzt den sonnigen Fensterplatz am Morgen, eine andere später. Sie regeln ihre Beziehungen zueinander nicht über dauerhafte Kontrolle, sondern über flexible Abstimmung. Sie kooperieren. Katzen zeigen uns damit sehr deutlich, welche Art der Machtausübung langfristig stabiler und tragfähiger ist.
Interessanterweise gilt etwas sehr Ähnliches auch für Lernprozesse. Katzen kooperieren deutlich besser, wenn sie Wahlmöglichkeiten haben und wenn Verhalten über positive Erfahrungen aufgebaut wird. Denn Druck und Zwang können kurzfristig eine Unterordnung hervorrufen und wir neigen dazu zu glauben, dass sie „es“ verstanden hat und einlenkt und ärgern uns, wenn die nächste Situation anders als erwartet verläuft. Langfristige Stabilität entsteht daher nur durch Zusammenarbeit und damit Kooperation.
Kontrolle versucht Verhalten zu erzwingen. Kooperation lenkt Verhalten durch Verstehen.
Wenn Du versuchst, Deine Katze über Druck oder Dominanz zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen, reagiert ihr Nervensystem unmittelbar. Stress aktiviert das körpereigene Alarmsystem. Der Sympathikus versetzt den Organismus in erhöhte Wachsamkeit, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet. Deine Katze bewertet innerhalb von Sekunden, ob Flucht, Erstarren oder Abwehr die sinnvollste Reaktion ist.
Dieses Verhalten zeigt sich besonders deutlich bei Situationen wie dem Transport in die Tierarztpraxis. Hat Deine Katze erlebt, dass sie gegen ihren Willen in die Transportbox geschoben wird und macht anschließend unangenehme Erfahrungen, verbindet sie die Box mit Kontrollverlust. Sie merkt sich diese Erfahrung sehr zuverlässig und auch, was ihr (nicht) half, aus der unangenehmen Situation zu entkommen. Künftig reichen bereits kleine Hinweise aus, um eine bestimmte Verhaltenskette aus dieser Erfahrung auszulösen.
Als einerseits hochspezialisierte Jäger gehören Katzen andererseits gleichzeitig selbst zu den potenziellen Beutetieren größerer Jäger. Für sie ist das Sichern der eigenen Unversehrtheit überlebenswichtig. Deshalb merken sie sich kleinste Hinweise, die Gefahr ankündigen könnten, besonders gut. Und auch, wenn Du denkst, dass Deiner Wohnungskatze doch nichts passieren könnte, ist es hilfreich zu verstehen, dass unsere Haus- sowie Rassekatze noch eine junge Erscheinung ist und immer noch über 95% ihrer DNA mit ihren wilden Verwandten teilt. Der „Will to please“ ist nicht Teil ihrer selbst.
Eine gute Nachricht an dieser Stelle: Eine Katze kann lernen, freiwillig und gerne in die Box zu gehen und auch den Besuch bei einer Tierärzt*in stressarm und angstfrei zu erleben. Ein Lernen, das auf Freiwilligkeit und Kooperation beruht, aktiviert andere grundlegende emotionale Systeme im Gehirn. Der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp beschrieb sie als SEEKING, PLAY und CARE.
Diese Systeme stehen mit Neugier, Spiel und sozialer Bindung in Verbindung. Neurochemisch spielen dabei unter anderem Dopamin und Oxytocin eine wichtige Rolle.
Training, das auf Freiwilligkeit, Belohnung und verständlicher Kommunikation basiert, aktiviert diese Systeme. Deine Katze bleibt handlungsfähig, erlebt Selbstwirksamkeit und entwickelt Vertrauen. Kooperative Führung stärkt damit langfristig eure Beziehung zueinander und intensiviert eine positive Verbindung zwischen euch. Deine Katze wird zunehmend bereitwilliger, sich auf Dich einzulassen und Deiner Einladung zu verschiedenen Situationen folgen, weil Du verlässlich bist.
Warum viele Halter*innen dennoch „Gehorsam“ erwarten
Viele unserer Führungs- und Erziehungsmodelle sind über Jahrhunderte stark vertikal hierarchisch geprägt. Einige Beispiele sind das Militär, das Schulsystem, die klassische Arbeitswelt oder traditionelle Erziehungsmodelle. Diese Art Führung wurde häufig mit Durchsetzungsfähigkeit, Disziplin und Kontrolle verbunden und über lange Zeiträume von einer Generation an die nächste weitergegeben. Sie wurde teils moralisch hinterfragt, aber ihre Strukturen sind bis heute erhalten und prägen unser Denken immer noch. Deshalb empfinden wir bis heute Gehorsam als Zeichen von Respekt (vertikale Machtausübung). Oder wir empfinden freiwillige Kooperation als weniger machtvoll (horizontale Machtausübung). Aus diesem Denken heraus übertragen manche Halter*innen ihre Erfahrungen mit anderen Tieren wie Pferde oder Hunde, und erwarten auch von ihren Katzen ein Mindestmaß an Gehorsam.
Ich denke an meine Schulzeit zurück, in der wir stets aufstehen und im Chor den Lehrer begrüßen mussten – und wehe dem, der es nicht tat. Oder wir mussten stehen und Kopfrechnen: Wer richtig antwortete, durfte sich setzen, wer falsch lag, blieb stehen. Es war eine demütigende Erfahrung für denjenigen, der bis zuletzt stand. Die Wahl der Unterrichtsmethoden liegt stark in den Händen der Lehrkraft.
Ein Blick in die Geschichte der Pädagogik zeigt uns, dass die Spannungen zwischen Formung durch Kontrolle vs. Entwicklung durch Beziehung Teil von Erziehungsdenken und heirarchischer Strukturen sind. Erziehung, Führung und Machtausübung waren eingebettet in gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen. Das Verständnis war geprägt von Ordnung, Disziplin und Formbarkeit als notwendige Tugenden, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten.
Die Vorstellung war einfach und nachvollziehbar: Erwachsene führten, Kinder folgten und Strukturen hatten Vorrang vor Selbstbestimmung. Dieses Denken war historisch überwiegend männlich dominiert und Machtpositionen lagen über Jahrhundert primär bei Männern. Aber sie ist kein per se männliches Phänomen.
Pädagogen wie Johann Amos Comenius systematisierten Unterricht und moralische Führung. Seine „Didactica Magna“ legte den Grundstein für eine organisierte, institutionelle Schulstruktur. Noch deutlicher wurde die Idee der moralischen Führung bei Johann Friedrich Herbart. Herbart sprach explizit von „Zucht“. Im damaligen Kontext war der Begriff nicht negativ belegt, sondern transportierte die Vorstellung, dass Erziehung eine gezielte Charakterbildung durch Führung und Einflussnahme – Machtausübung – bedeutet. Sie war notwendig, damit hierarchische Strukturen funktionierten.
Und auf der anderen Seite kamen mit Johann Heinrich Pestalozzi erste Stimmen auf, die Beziehung und ganzheitliche Entwicklung betonten. Erziehung sollte nicht nur den Charakter formen, sondern verstehen. Später stellte Jean-Jacques Rosseau in „Émile“ die Idee einer natürlichen Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt. Schulisch veränderte sich das Denken weiter, als Paulo Freire das Bildungssystem kritisierte und zwischen einer „Bankiers-Methode“ und dialogischer, beziehungsorientierter Bildung unterschied. Bei der Bankiers-Methode wurde Wissen in den Verstand der Schüler*innen eingezahlt, die widerrum passiv Wissen konsumierten und nahezu wortgetreu widergaben.
Diese Spannungen zwischen kontrollierender vs. kooperierender Macht bzw. Führung sind keine Erfindung der Neuzeit. Sie begleiten unsere Gesellschaft seitdem der Mensch versucht, bewusst und zielgerichtet zu erziehen, spätestens jedoch seit der Institutionalisierung der Pädagogik. Sie ziehen sich durch verschiedene gesellschaftliche Themen wie ein roter Faden und begegnen uns auch in der Katzenhaltung.
Doch warum gilt Kontrolle als Stärke? Und dem gegenüber Kooperation als Schwäche? Warum wirkt freiwillige Kooperation oft weniger machtvoll als durchgesetzte Anweisung?
Beziehung statt Kontrolle: eine andere Form von Führung
Auch heute existieren diese beiden Grundlogiken nebeneinander. In vielen Führungstrainings werden noch immer klare Ansagen, Durchsetzungsfähigkeit, Effizienz und Kontrolle von Ergebnissen betont. In der Erziehung tauchen Begriffe auf wie „klare Kante“ zeigen, „Konsequenzen durchsetzen“ oder „Wer ist hier der Chef?“ (btw: erinnerst Du Dich noch an die Serie „Wer ist hier der Boss?“…). Im Hundetraining wird noch immer von „Rudelführung“ gesprochen oder eine dominante Körperhaltung betont (Cesar Milan). Karolina Westlund hat darüber einen wunderbaren Artikel geschrieben.
Beziehungsorientierte Erziehung und auch neuere Führungstheorien sprechen stattdessen von Co-Regulation, Selbstwirksamkeit, Begegnung auf Augenhöhe. Das ist eine anspruchsvollere Form der Führung, weil sie die eigenen Interessen zurückstellt zugunsten von Freiheit und der individuellen Entwicklung des Gegenübers.
Ich will nicht sagen, dass diese Begriffe per se falsch sind. Strukturen sind wichtig, um sich orientieren zu können und nicht in Chaos zu versinken. Die Frage ist aber: Wie wird Struktur genutzt: als Hilfe zur Orientierung – oder als Ausübung von kontrollierender Macht?
Wenn Führung auf Beziehung basiert, bedeutet es ganz einfach ausgedrückt: Den Willen lenken – nicht brechen. Du lernst, nonverbale Signale zu lesen, Umweltreize zu berücksichtigen, das Timing zu beachten, bietest notwendige Ressourcen an und setzt klare, aber respektvolle Rahmenbedingungen, die Orientierung und Raum zur Entfaltung geben. Kooperation entsteht freiwillig und akzeptiert ein Nein genauso wie ein Ja. Es dürfen natürliche Konsequenzen folgen, keine Strafen, Drohungen oder Gewalt. Diese Form der Führung oder Machtausübung erfordert viel Selbstregulation von Dir. V. a. erfordert es, dass Du eine Macht ausübst, die ohne Unterwerfung auskommt.
Macht, Tiere und gesellschaftliche Symbolik
Wenn wir unsere Katze oder Tiere allgemein als Nutztiere, Eigentum oder Wesen betrachten, die sich unterordnen sollen, spiegeln sich darin Denkstrukturen, die auch in andere soziale Bereiche hineinwirken.
Ein Beispiel ist der sog. „First Dog“, ein Begriff, der sich v. a. in den USA etabliert hat. In politischen Systemen wird Macht nicht nur ausgeübt, sodnern auch symbolisch dargestellt. Präsidenten lassen sich öffentlich mit ihrem Hund fotografieren und integrieren das Bild in ihre politische Führung. Eine „First cat“ existiert in dieser Symbolik kaum, obwohl auch Katzen gelegentlich im Weißen Haus lebten. Warum?
Hunde verkörpern Loyalität, Gefolgschaft und trainierbare Disziplin. Sie fügen sich besser in ein hierarchisches Bild von Führung ein. Katzen dagegen stehen für Autonomie. Sie lassen sich nicht inszenieren als Symbol kontrollierter Gefolgschaft. Die Wahl des Hundes als Haustier einer politischen Führung ist demnach kein Zufall, sondern eine bewusste Inszenierung von Macht, eine Stilisierung eines Staatsoberhauptes zu einer idealisierten Person. Der Hund als „First Dog“ ist symbolisch durchsetzungsfähiger im Sinne von Machtdemonstration, als es eine Katze wäre.
Oder man denke an die Militärparaden, die hoch inszeniert als Ausdruck von Macht mediale Präsenz genießen. Mitunter marschieren entsprechend ausgebildete Hunde an der Seite ihrer Hundeführer. Eine Katze im Militär? Undenkbar.
Auch die Besuche in sozialen Einrichtungen, wenn sie mit Tieren in Verbindung gebracht werden, nutzen eher Hunde als symbolischen Ausdruck von kontrollierender bzw. kontrollierter Macht – wenn auch nahbarer Macht. Verborgen hinter freundlichem Lächeln, Streicheleinheiten und wedelndem Schwanz. Ein Symbol dafür, dass Unterwerfung freiwillig und freudig sei? Besonders sehen wir dieses Szenen bei Mitteilungen über die britischen Royals. Da wird Nahbarkeit durch den Umgang mit dem Hund gezeigt, gleichzeitig sitzt dieser i.d.R. an der Leine: Alles wurde sorgfältig im Vorfeld geübt und der Hund entsprechend seines Wesens ausgewählt. Würde ein Auftritt mit einem verhaltensauffälligen Hund eine vergleichbare Wirkung erzielen? Oder gar mit einer Katze? Welche Bedeutung würde ein solches Bild transportieren?
Weltfrauentag, Machtstrukturen und was Katzen damit zu tun haben
Der Internationale Weltfrauentag erinnert an eine Geschichte, in der politische und gesellschaftliche Macht in vielen Regionen der Welt über lange Zeiträume überwiegend in männlichen Händen lag. Viele Führungspositionen, politische Ämter und wirtschaftliche Entscheidungsräume waren Männern vorbehalten. Gleichzeitig wurde Frauen häufig die Verantwortung für Fürsorgearbeit, Kindererziehung und soziale Beziehungen zugeschrieben. Diese Aufgaben erforderten andere Kompetenzen: Kommunikation, emotionale Wahrnehmung, Konfliktlösung und Beziehungsarbeit.
Lange Zeit wurden diese Fähigkeiten und damit einhergehend eine kooperative Führung als nachgiebig, inkonsequent, „weich“ und weiblich wahrgenommen, während die vertikal hierarchische Führung als durchsetzungsfähig, konsequent, „stark“ und männlich angesehen und idealisiert wurde. Es wäre jedoch zu einfach, dieses Muster ausschließlich als Ausdruck „männlichen Denkens“ zu beschreiben oder das Konzept von Hierarchie im Sinne von Struktur in Frage zu stellen.
Eine Hierarchie ist zunächst nur ein Organisationsprinzip sozialer Gruppen. Wo Menschen zusammenleben, Ressourcen teilen oder Verantwortung verteilen, entstehen fast immer Formen von Ordnung und Rang. Solche Strukturen können Orientierung geben und Konflikte reduzieren. Problematisch werden sie erst dann, wenn sie mit Druck, Angst oder dem Missbrauch von Überlegenheit arbeiten.
Ich gehe noch einen Schritt weiter, indem ich behaupte, dass Machtmissbrauch, Kontrolle und Unterdrückung kein per se männliches Phänomen darstellen. Die Versuchung, Einfluss über andere auszudehnen oder Kontrolle zu sichern, gehört zu den ältesten menschlichen Versuchungen überhaupt. Denn auch Gesellschaften mit matrilinearen Strukturen, in denen Besitz oder Familienzugehörigkeit über die weibliche Linie vererbt werden, sind keineswegs frei von Machtfragen. Beispiele finden sich etwa bei den Mosuo in China oder bei den Minangkabau in Indonesien. In diesen Kulturen spielen Frauen eine zentrale Rolle in Familie und Eigentumsordnung. Gleichzeitig entstehen auch dort Einflussbereiche, soziale Rollen und Aushandlungsprozesse darüber, wer Entscheidungen trifft und wer Verantwortung trägt. Machtstrukturen verschwinden also nicht einfach dadurch, dass sich die gesellschaftlichen Rollen verändern. Sie entstehen überall dort, wo Menschen miteinander leben und handeln. Deshalb spreche ich in diesem Artikel nicht von „männlicher“ oder „weiblicher“ Macht. Ich spreche von Macht, die in ihrer Ausführung entweder auf Kontrolle oder auf Kooperation basiert.
Und wenn kontrollierende Strukturen bevorzugt über Dominanz, Kontrolle, Druck und Zwang arbeiten und damit biologisch betrachtet Stresshormone einhergehen, während beziehungsorientierte und kooperierende Strukturen vornehmlich positive Hormone ausschütten, sollten wir innehalten.
Denn vielleicht ist es an der Zeit, unsere Vorstellung von Stärke, Führung und Erziehung zu überdenken.
Was Katzen uns über Führung, Beziehung und Macht beibringen
An dieser Stelle kommt unserer Katze ihre besondere Rolle zu. Sie fordert uns auf, unsere Vorstellung von Führung und Machtausübung zu hinterfragen. Es lohnt sich deshalb, noch einmal zur Ausgangsfrage zurückzukehren.
Wie verstehen wir eigentlich Macht? Und wie wollen wir sie ausüben?
Diese Fragen betreffen nicht nur Politik oder gesellschaftliche Strukturen. Sie tauchen im Alltag ständig auf – überall dort, wo wir in Beziehung mit jemandem treten: in Familien, in der Art, wie wir mit Kindern sprechen oder auch darin, wie wir mit unseren Tieren und insbesondere mit unseren Katzen umgehen. Denn Katzen fordern uns heraus. Weil sie sich unserem gesellschaftlich geprägten Denken von vertikal organisierter Struktur und kontrollierender Machtausübung entziehen.
Katzen sind leise. Sie weigern sich, sich unterwerfen zu lassen und wahren sich ihre Autonomie. Sie bedienen kein hierarchisches Gefolgschaftssystem. Gleichzeitig zwingt uns eine Katze nicht zur Unterordnung, sondern zu einer gesunden Selbstprüfung. Als Halter*innen sind wir weder Personal noch Dosenöffner für unsere Katze. Wir sind weder Herrchen oder Frauchen noch Mama oder Papa. Als Halter*innen begegnen wir unserer Katze und sie uns als Teil einer sozialen Familie. Wir sind Freunde mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Fähigkeiten, Aufgaben und Bereichen, über die wir Macht ausüben.
Eine Katze zu halten, fordert von uns, sich ihr zu öffnen und auf Augenhöhe zu begegnen. Ich muss stille werden und mich in dieses Wesen hineinversetzen, wenn ich es verstehen will und v.a. wenn ich eine Haltung anstrebe, die ohne Gewalt auskommt. In dieser Grundeinstellung liegt der Kern dessen, wie wir mit unserer Katze umgehen und sie an das Leben an unserer Seite gewöhnen, in anderen Worten: mit ihr arbeiten und trainieren. Wir laden sie ins Training ein, kommunizieren auf eine Weise, die ohne Druck auskommt und ihr Freiheit lässt. Wir setzen natürliche Konsequenzen ohne Demütigung ein und respektieren ein „Nein“ als Information statt Zurückweisung. Wenn Du versuchst, Deine Katze mit der Vorstellung von kontrollierender Macht zu erziehen wirst Du immer scheitern. Oft zeigt sich diese Denkweise dann auch in anderen Beziehungen zu Kindern, Partner*innen oder Kolleg*innen.
Längst ist ein moralisches Umdenken in unseren Kindern und in unserer Gesellschaft entstanden, das sich der vertikal kontrollierenden Hierarchie widersetzt. Wer diese Strukturen nicht erkennt, läuft unweigerlich Gefahr, sich in Diskussionen zu verlieren, die aneinander vorbei führen. Weil zwei verschiedene Denkweisen verinnerlicht sind, die miteinander nicht harmonieren.
Wenn Du ungehalten bist, dass Deine Katze Dein Tischverbot nicht akzeptiert, zeigt das weniger über Deine Katze, als vielmehr über Deine Vorstellung von Führung. Diese Vorstellung ist historisch geprägt und überliefert durch hierarchische Organisationsformen. Deine Katze konfrontiert Dich mit einem Führungsmodell, das auf Beziehung statt Unterwerfung basiert. Nimmst Du es an und gehst diesen Weg, mit ihr eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen, wirkt sich das auf weitere Kreise aus. Du wirst zunehmend mit Deinem Umfeld eine respektvolle Beziehung führen, die Freiraum für persönliche und individuelle Entwicklung lässt und die kooperiert, statt zu unterwerfen. Schließlich erlebst Du, dass beziehungsorientierte Führung und kooperative Macht keine Schwäche darstellen, sondern eine Form von Stärke bedeuten, die alles andere als weich oder inkonsequent ist. Kooperative Führung erfordert Klarheit, Empathie, Selbstregulation, natürliche statt künstliche Konsequenz ohne Drohungen, Druck oder Missbrauch von körperlicher oder kognitiver Überlegenheit.
Wer mit Katzen lebt, lernt früher oder später etwas über Macht, das weit über Tiertraining hinausgeht: Einfluss entsteht nicht dadurch, dass jemand stärker ist. Einfluss entsteht dort, wo Vertrauen größer wird als Angst.
Mara Hoffmann
Immer dann, wenn wir Einfluss auf jemanden haben, stehen wir vor derselben Entscheidung: Wie wollen wir miteinander umgehen? Versuchen wir Verhalten zu kontrollieren? Oder schaffen wir Bedingungen, unter denen Kooperation möglich wird?
Katzen reagieren sehr klar auf diese Unterschiede. Sie lassen sich nicht dauerhaft in starre Kontrolle pressen. Entweder eine Beziehung wird für sie sicher und berechenbar – oder sie entziehen sich ihr. Das ist der Unterschied zwischen kontrollierender Macht, wie wir sie gewohnt sind und kooperierender Einflussnahme, wonach wir uns sehnen – und die uns Katzen lehren können. Denn eine Katze arbeitet nicht für uns. Entweder, sie arbeitet mit uns oder gar nicht.
Ich glaube, dass hier eine besondere gesellschaftliche Bedeutung der Katze als Vorbild für uns liegt. Es ist kein Zufall, dass die Katze zum beliebtesten Haustier in Deutschland und dem D-A-CH-Raum zählt. Eben weil sie uns lehrt, dass Beziehung mehr bedeutet als Kontrolle. Wer bereit ist, sich auf diese Perspektive einzulassen, entdeckt in Katzen nicht nur Haustiere, sondern kluge Lehrmeister für Kooperation, Selbstreflexion und Führung, die ohne Gewalt auskommt. Damit Gleichberechtigung für alle schon heute wahr wird.
In diesem Sinne wünsche ich Dir neue Denkanstöße für Dein Leben mit Katze, Deinen Umgang mit Deinem Nächsten und einen wundervollen Weltfrauentag!
Möchtest Du die Beziehung zu Deiner Katze bewusster und kooperativer gestalten?
In meiner Katzensprechstunde kannst Du Deine allgemeinen Fragen mit mir besprechen. Wenn Du tiefer einsteigen möchtest, unterstütze ich Dich in meiner Verhaltensberatung mit vier Wochen Begleitung.





Liebe Mara,
was für ein toller, umfangreicher Artikel. Es hat wirklich Spaß gemacht, dir auf dieser Gedankenreise zu folgen und über unsere spezielle Verbindung zu Katzen nachzudenken. Ich liebe es, mir ihre Kooperation zu gewinnen, doch ich weiß genausogut, wie schnell diese durch Kleinigkeiten gestört werden kann und mühsam wieder aufgebaut werden muss.
Liebe Grüße
Stephanie