Katzen, die außerhalb ihrer Katzentoilette urinieren oder koten, sind ein häufiger Grund für Stress in Haushalten, Konflikte in Familien und – leider – auch für Abgaben an Tierheime. Das Thema trifft Menschen mit Kindern besonders hart: Kinder reagieren emotional auf Verunreinigung, Eltern stehen unter Druck und es besteht die reale Gefahr, dass ein eigentlich lösbares Verhalten zum endgültigen Verlust der Katze führt. Fachlich betrachtet ist Unsauberkeit ein multifaktorielles Symptom, kein „böses“ Verhalten der Katze, sondern Ausdruck ihrer inneren Not. Diese Verhalten und seien Signale zu verstehen, ist entscheidend, damit Du ruhig und respektvoll handeln kannst.
In diesem Artikel nehmen wir zwei Perspektiven gleichzeitig ein: eine für die direkte Anwendung mit Tipps für Sofortmaßnahmen, damit der Alltag nicht zusammenbricht und eine zweite mit Blick auf langfristige Lösungen (systematisches diagnostisches Vorgehen). Der erste Schritt ist nicht therapeutisch-medizinisch, sondern sorgfältig abklärend: wir ordnen, fragen, beobachten, priorisieren und leiten dann weiter, falls eine tierärztliche Abklärung nötig ist. Diese Herangehensweise minimiert Fehlbehandlungen, schützt Deine Katze und gibt Dir klare Handlungsschritte.
Wichtig: Die höchste Priorität hat vorab das Ausschließen medizinischer Gründe, denn Schmerzen, Infektionen oder metabolische Erkrankungen verändern Verhalten massiv. Sind diese ausgeschlossen oder erkannt, arbeiten wir mit den Five Causes-Perspektiven (medizinisch, kommunikativ, Umweltfaktoren, emotionale Faktoren, Lernprozesse), wie sie in der modernen Verhaltensberatung etabliert sind. Dieser strukturierte Blick folgt dem modellhaften Denken von Expert*innen wie Karolina Westlund (ILLIS) und verknüpft klinisch-praktische Routinen mit verhaltenswissenschaftlicher Diagnostik.
In diesem Artikel geht es nicht um medizinische Diagnosen. Diese dürfen und sollen ausschließlich von Tierärzt*innen gestellt werden. Stattdessen zeige ich ein diagnostisches Vorgehen aus der Verhaltensberatung: eine strukturierte, fachlich fundierte Abklärung möglicher Ursachen, damit Katzenhalter*innen wissen, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Bevor wir tiefer einsteigen: Es hilft sehr, Urin- und Kotprobleme als größtenteils unterschiedliche Phänomene zu betrachten. Es gibt zwar Überschneidungen, aber andererseits finden wir auch sehr spezifische Muster, die bei der einen oder anderen Variante von Unsauberkeit auftreten. In folgendem Überblick habe ich Dir die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale aufgelistet.
Kurzüberblick — Urin vs. Kot: Erscheinung, Intention und Warnzeichen
| Merkmal | Urinieren (Markieren) | Urinieren (Fehlplatzierung / Toilettenaversion) | Koten (Markieren) | Koten (Fehlplatzierung/ Toilettenaversion) |
|---|---|---|---|---|
| Ort | Vertikale Flächen (Wände, Türen) oft | Weiche Flächen (Bett, Kleidung) oder immer gleiche Stelle | Offene oder erhöhte Flächen (Sofa, Bett, Teppich); gut sichtbar und auffällig platziert | Nähe zur Box (am Rand) oder weit entfernt; weicher Kot auf weichen Oberflächen |
| Harn-/Kotmenge | Kleine Spritzer / wenig Menge | Größere Pfützen | Übliche Kotmengen möglich; Menge allein sagt wenig, die Platzierung ist entscheidender Hinweis | Sichtbare Häufung, oft Konsistenz-veränderung |
| Haltung | Rücken an Objekt, Schwanz senkrecht nach oben, Schwanz zittert | Typische Hockstellung, anschließendes Scharren | Hockstellung; danach beriechen und teils schnelles Entfernen, gelegentlich Scharren (unsicheres Verhalten) | Hockstellung (koten) oder „nur tropfen“ bei Schmerzen, beriechen und anschließendes Scharren |
| Soziale Hinweise | Häufig in Mehrkatzen-Haushalten, bei Konflikten | Kann bei Einzelkatzen und in Mehrkatzen-Haushalten auftreten; oft medizinische Ursache oder Probleme im Toiletten-Management | Stark indikativ für Unsicherheit oder territoriale Kommunikation; häufig bei sozialen Spannungen oder nach Umzug/ Veränderung | Oft medizinische Ursache oder Probleme im Toiletten-Management; auch Hinweis auf Stress bzw. Konflikte im Rudel |
| Häufige Ursachen | Territorialverhalten, Konflikte im Rudel, hormonell | Schmerzen, Toiletten-Management | Territorialverhalten, Unsicherheit, Suche nach sichtbarer Kontrolle; kann Ausdruck von Stress sein | Schmerzen, Toiletten-Management, Konflikte |
| Typische Tests | Verhaltenserhebung; Fokus auf Sozial-/ Umweltanalyse (Ressourcenverteilung, kürzliche Veränderungen etc.) | Urinuntersuchung, Bildgebung, Verhaltenserhebung | Kotanalyse und Verhaltenserhebung; Fokus auf Sozial-/ Umweltanalyse (Ressourcenverteilung, kürzliche Veränderungen etc.) | Kotanalyse, Blutbild, Bildgebung, Verhaltenserhebung |
Die 5 Cause-Perspektiven
Wir arbeiten die Ursachen systematisch in fünf Perspektiven ab. Das ist kein striktes Ranking, sondern ein diagnostisches Raster: jede Kategorie wird geprüft und in die Prioritätenliste aufgenommen. Dieses Vorgehen ist an die „Five Causes“ für Verhalten nach Karolina Westlund angelehnt und verbindet Emotionen bzw. Gefühle, Funktion, Umwelt, Medizin und Lernen.
Medizinisch — Ausschluss von Krankheit
Zuerst solltest Du immer die medizinische Ebene ausschließen. Medizinische Ursachen können Verhalten sehr stark beeinflussen: Harnwegsinfekte (UTI), idiopathische Zystitis (FIC), Harnsteine, Diabetes mellitus (Polyurie), Niereninsuffizienz, Parasiten, Entzündungen, sowie orthopädische Probleme wie Arthritis (die das Einsteigen/Verweilen in der Box schmerzhaft macht), führen sehr häufig dazu, dass Deine Katze ihre Toilette vermeidet. Bei Kotproblemen kommen GI-Erkrankungen, Parasiten, Obstipation (bis Megakolon), Analfissuren oder Tumoren infrage. Schmerzen beim Kotabsatz oder beim Urinieren führen häufig zu Klo-Aversionen, d. h. zu einer Abneigung der Toilette. Den Grund dafür besprechen wir gleich.
Beantworte diese Fragen
- Zeigt Deine Katze Schmerzen beim Hocken / beim Verlassen der Box?
- Gibt es eine Veränderung der Trinkmenge oder Gewichtsverlust/-zunahme?
- Gibt es Blut im Urin / Blut im Kot?
- Findest Du wiederholt kleine Mengen Harn an verschiedenen Stellen(Strangurie)?
- Hat sich die Konsistenz des Kots verändert (Diarrhoe vs. sehr harter Kot)?
- Findest Du Kot bzw.. über wenige Tage hinweg keinen Kot von Deiner Katze?
- Allgemeiner gesundheitlicher Eindruck (Appetit, Aktivität)?
Wenn einer der Punkte zutrifft lasse Deine Katze bitte tierärztliche abklären: Wie ist ihr Urinstatus? Gibt es einen auffälligen PH-Wert? Hinweise auf Urinstein? Lasse außerdem ein Blutbild anfertigen und ihren Kot untersuchen. Im Verdachtsfall sind ggf. bildgebende Verfahren (Röntgen/US) und orthopädische Untersuchung angeraten. Eine auf Katzen spezialisierte Tierärztin wird Dir und Deiner Katze respektvoll helfen.
Markier-Verhalten & Kommunikation
Markieren (Sprühen) ist ein kommunikativer Akt: vertikales Sprühen auf Möbel, Türen oder Fenster signalisiert den sozialen Status, Stress oder Revieransprüche Deiner Katze gegenüber anderen Katzen oder Mitbewohnern. Markieren ist anders als ein üblicher „Toilettengang“: die Menge ist klein, die Tröpfchen trichterartig versprüht, die Körperhaltung steif und meist aufrecht mit einem Schwanz,. der während des Markierens zittert.
Hinter dem klassischen Markierverhalten steckt eine olfaktorische Motivation. Aufgrund der hormonellen Beimengungen im Urin ist ein Urin, der zum Markieren gesprüht wird ein Geruch, der „nach-antwortet“. Er informiert über einen gewissen Zeitraum mögliche Konkurrenten, aber auch andere tierische Mitbewohner über den Gesundheits- und emotionalen Zustand Deiner Katze sowie ihre Revieransprüche.
Wichtig zu wissen ist, dass Gerüche instabil sind und mit der Zeit verfliegen. Deshalb wiederholt Deine Katze dieses Verhalten, um ihre Botschaft und etwaige Ansprüche stets aktuell zuhalten. Sozusagen damit jeder stets weiß, was Sache ist.
Tiere, die nicht kastriert sind oder nach dem Einsetzen der Geschlechtsreife kastriert wurden, markieren häufiger. Aber Markierung bleibt auch nach einer Kastration bestehen, wenn Umweltstress oder soziale Konflikte bestehen.
Das gezielte Ablegen von Kot auf gut sichtbaren, erhöhten Flächen ist bewusst gesetzt: Es kann eine territoriale oder unsichere Botschaft sein, mit der eine Katze auf soziale Spannungen reagiert. In solchen Fällen steht die soziale Bedeutung im Vordergrund. Die Analyse muss daher die Rudeldynamik und mögliche soziale Stressoren (z. B. Konflikte, neue Tiere, Umzug) unbedingt mit einbeziehen.
Wenn Du beobachtest, dass eine Katze ihren Kot bewusst auf erhöhten, offenen Flächen absetzt (z. B. auf einem Sofa, einer Fensterbank oder einem Bett), dann ist das mehr als eine reine „Klo-Fehlleistung“. Es ist ein kommunikativer Akt und oft Ausdruck von Unsicherheit oder territorialen Ansprüchen. In solchen Fällen lohnt es sich, sowohl die Rudeldynamik als auch das Ressourcen-Management (Toiletten, Rückzugsorte, Futterplätze etc.) zu prüfen, denn damit lassen sich die sozialen Motive zuverlässiger einordnen.
Markierverhalten ist ein absolut natürliches Verhalten Deiner Katze und darf nicht gestraft werden! Wir besprechen weiter unten, was Du tun kannst, um dieses Verhalten umzulenken auf eine Weise, mit der Du und Deine Katze leben können.
Beantworte diese Fragen
- Steht oder sitzt Deine Katze beim Urinieren?
- Ist der Urin vertikal (Wand/Schrank) oder horizontal (Betten, Teppich) verteilt?
- Findest Du eine größere oder eine kleinere Menge an Urin vor?
- Wie ist ihr Kastrations-Status?
- Benutzt Deine Katze immer noch ihre Toilette oder vermeidet sie ihre Toilette?
- Tritt es vor/einfach nach dem Eintreten einer anderen Katze/ Person auf?
- Was hat sich in den vergangenen ca. 3 Monaten vor dem Auftreten der Unsauberkeit in Deinem Haushalt verändert?
Toiletten-Management & Umwelt-Faktoren
Viele Fälle von „Unsauberkeit“ sind sehr häufig Managementprobleme. Meist ist die Einstreu zu grob oder geruchsintensiv. Es gibt zu wenige oder nicht artgerechte Toiletten, die noch dazu aus Katzensicht falsch positioniert sind. Die Größe der Toilette entspricht nicht den Bedürfnissen Deiner Katze oder die Reinigung ist nicht häufig genug.
Katzen sind Gewohnheitstiere: die Box muss sicher, sauber und verfügbar sein. In Mehrfamilienhaushalten oder mehrstöckigen Wohnungen braucht es mehrere Toiletten pro Etage an verschiedenen strategischen Plätzen. Hier gilt die Faustregel: Anzahl Katzen + 1. Ich persönlich halte mich aber nicht daran. Bei uns Zuhause stehen pro Katze die doppelte Anzahl an Toilette zur Verfügung, also: Anzahl der Katzen × 2.
Auch Abdeckungen, sich selbst reinigende Toiletten oder ein Einstreuwechsel können eine Abneigung gegen die Toilette auslösen.
Zwar kann ein Mangel an Ressourcen (zu wenige Toiletten, schlechte Platzierung, laute Standorte etc.) sozialen Druck erzeugen und damit territoriales Verhalten begünstigen, doch wenn Deine Katze explizit erhöhte, gut sichtbare Plätze wählt, spricht das eher für eine kommunikative Motivation aus Unsicherheit. In solchen Fällen ist Management wichtig als Interventionsmöglichkeit (u.a. Ressourcenverteilung, zusätzliche Rückzugsorte), die Ursachenerklärung muss jedoch sozial-emotional beginnen.
Beantworte diese Fragen
- Wie viele Katzentoiletten stehen Deiner Katze/ Deinen Katzen zur Verfügung?
- Sind die Toiletten in ihrer Bauart offen oder geschlossen?
- Wie hoch ist der Einstieg?
- Welcher Art ist die Einstreu: Wie grobkörnig? Mit oder ohne Duft? Aus welchem Material besteht die Streu?
- Wo stehen die Katzentoiletten und wie sind sie positioniert?
- Wie häufig reinigst Du die Toiletten von den Hinterlassenschaften und komplett?
Emotionale & Affektive Faktoren
Emotionen und Stimmungszustände beeinflussen Verhalten ebenfalls sehr stark. Angst, chronische Anspannung, Langeweile, Frustration oder Übererregung können dazu führen, dass Deine Katze ihr Ausscheidungsverhalten anders vornimmt als bisher. Veränderungen im Haushalt (Umzug, Baby, Umbaumaßnahmen, neue Mitbewohner*innen), Lärm, oder instabile soziale Beziehungen unter Katzen sind ernst zunehmende Stressoren. Die schwedische Ethologin Karolina Westlund betont, dass ohne Betrachtung des emotionalen Kontextes Interventionen oft oberflächlich bleiben und damit nicht nachhaltig greifen.
Es gibt immer wieder und immer noch Stimmen, die Tieren Emotionen absprechen. Westlund spricht sich eindeutig dafür aus, dass wir Tieren ein Gefühlsleben zugestehen und hält es zudem für essentiell, wenn wir die Lebensqualität unserer tierischen Weggefährten verbessern bzw. Verhaltensprobleme verstehen und beheben wollen. Ich bin kein Evolutionist und verstehe daher das Konzept und die Verbindung von EMOTIONEN nach Panksepp und Gefühlen etwas anders. Aber auch als Christin spreche ich mich ebenfalls eindeutig dafür aus, dass Tiere Gefühle haben und diese Gefühle sich in Gedankenprozessen körperlich niederschlagen. Eine Situation wird v.a. emotional bewertet und zeigt sich in körperlicher Reaktion.
Dieses Verständnis hilft uns enorm, wenn wir die Ursachen für Unsauberkeit verstehen und lösen wollen.
Koten auf erhöhten, gut sichtbaren Plätzen ist eine Botschaft Deiner Katze über ihr inneres Befinden. Nicht selten steckt Unsicherheit oder territoriale Kommunikation dahinter; deshalb lohnt es sich immer, sowohl die Rudeldynamik als auch die Verteilung der Ressourcen (Toiletten, Rückzugsorte, Futterplätze etc. ) genauer anzuschauen.
Wenn eine Katze auf exponierten Flächen kotet, ist das oft eine emotionale Reaktion — Ausdruck von Unsicherheit, Stress oder dem Versuch, soziale Kontrolle zurückzugewinnen. Bei der Analyse steht deshalb die Frage im Vordergrund, welche sozialen oder Umwelt-Veränderungen (Ressourcenverknappung, neue Mitbewohner*innen, Umzug etc.) die emotionale Lage der Katze beeinflussen.
Beantworte diese Fragen
- Hat sich Dein Tagesablauf oder die (Tages-) Zeit, die Du mit Deiner Katze bewusst verbringst in den vergangenen 3 Monaten seit dem Auftreten der Unsauberkeit verändert (z.B. Arbeitszeiten, Besuch, Betreuung, von Vor-/ zu Nachmittagen etc.)?
- Hat sich die Art und Menge an gemeinsamer Zeit oder die Art der Zuwendung in den letzten Wochen verändert (weniger Spielen, weniger gezielte Interaktion)?
- Bekommt Deine Katze täglich ausreichende geistige und körperliche Auslastung (Spiel, Futterbretter, Klettermöglichkeiten etc.)?
- Gab es in letzter Zeit neue Stressoren (Umzug, Bauarbeiten, neue Gerüche, neues Futter, Baby, Renovierung)?
- Hat sich die Interaktion zwischen Deinen Katzen verändert (Fauchen, Meiden, Raufereien)?
- Zeigt Deine Katze Angstzeichen (vermehrtes Verstecken, übermäßiges Putzen, Appetitverlust)?
- Gibt es zugängliche Rückzugsorte, die auch wirklich Ruhe für Deine Katze bedeuten (Safety-Zone)?
Lernprozesse
Lernprozesse schaffen und stabilisieren viele Problemverhaltensweisen und werden sehr häufig unterschätzt. In der Tat sind viele Verhaltensauffälligkeiten eine Folge unglücklicher Verknüpfungen und damit – so leid es mir tut, das zu schreiben – hausgemacht. Dabei ist das Muster häufig folgendes: Verhalten- Reaktion- Verhalten- Aktion
Z. B.: Wenn Deine Katze anfangs in eine Ecke kotet und die Wäsche dort liegt, kann die saubere Kleidung ihr Verhalten als „besseres Klo“ verstärken. Das wäre eine klassische Verstärkung des Fehlverhaltens. Verhaltensdiagnostik (Functional Analysis) fragt nach dem ABC: Antecedents (Was passiert vorher?), Behavior (Wie genau verhält sich die Katze?) und Consequences (Welche Folgen hat das Verhalten?). Auf dieser Ebene arbeiten wir in der modernen Verhaltensberatung mit Desensibilisierung, Gegenkonditionierung, Management und gezielten Trainingsschritten, um neue Lernprozesse zu ermöglichen und damit ein Verhalten umzulenken.
Dabei will ich noch auf zwei sehr wichtige Punkte hinweisen: Wenn Deine Katze ein unerwünschtes Verhalten zeigt, solltest Du stets so schnell wie möglich handeln, bevor sich das Verhalten festigt. Es wird immer schwieriger und erfordert mehr Anstrengungen, verfestigte Verhaltensmuster aufzulösen, je länger sie bestehen. Zweitens ist es sehr wichtig zu verstehen, dass ein gelerntes Verhalten auch nach einem erfolgreichen Umlernen wieder auftreten kann- spontan oder wenn entsprechende Trigger auftreten. Es gibt also keine Garantie dafür, dass ein unerwünschtes Verhalten nie wieder auftreten wird. Die Chance ist jedoch geringer, je eher Du Dir Hilfe in Form einer Verhaltensberatung holst und der Ursache auf den Grund gehst.
Beantworte diese Fragen
- Welche Situationen gehen der Unsauberkeit voraus?
- Tritt die Unsauberkeit zu bestimmten Tageszeiten oder in Verbindung mit bestimmten Routinen/Aktivitäten auf (z. B. direkt nach dem Fressen, wenn jemand das Haus verlässt, während der Nachtruhe)?
- Wie reagierst Du unmittelbar, wenn Du das Verhalten bemerkst (z. B. Schimpfen, Wegtragen, Hochheben, viel Aufmerksamkeit geben, wegräumen)
- Wie reagiert Deine Katze auf Deine Reaktion in den Minuten nachdem sie außerhalb der Toilette ausgeschieden hat (sich verstecken, maunzen, vermehrte Aufmerksamkeit, mitten im Raum sitzen bleiben)?
- Welche Interventionen oder Gegenmaßnahmen hast Du schon ausprobiert (z. B. Toilette an einer Stelle aufgestellt, „Abschirmen“ der Stelle z.B. mit Alu-Folie, Einsatz von Enzymreinigern, gezieltes Belohnungstraining an der Toilette, Wechsel der Einstreu, Pheromon-Stecker)? Welche Effekte (kurzfristig/langfristig) hattest Du beobachtet?
- Ist der Ort, den Deine Katze für ihre Ausscheidungen wählt, aus ihrer Perspektive angenehmer (z.B. weicherer Untergrund, ruhigerer Standort)?
- Gibt es Möglichkeiten, die Nutzung der Katzentoilette für Deine Katze wieder positiv zu verknüpfen, z.B. durch mehr Ruhe, bessere Platzierung oder positives Training?
Erste Hilfe & sofort umsetzbare Maßnahmen
Wenn akut eine Pfütze auftaucht, solltest Du als erstes tief durchatmen und Ruhe bewahren, weil Dein Stress sich auf Deine Katze überträgt. Mach Dir bewusst, dass Deine Katze Dich nicht ärgern will! Kot-/ Urin-Absatz sind Kommunikation, kein Protest!
Sobald Du emotional gefestigt bist, reinige die Stelle. Verwende bitte keinen aggressiven Reiniger, sondern einen speziellen Enzymreiniger. Damit entfernst Du Eiweiß-Verbindungen im Urin Deiner Katze zuverlässig und verringerst das Risiko, dass diese Stelle als neue Katzentoilette betrachtet wird und weitere Katzen sie aufsuchen.
Um eine Wiederholung zu vermeiden, schau Dir Dein Toiletten-Management an: Stelle temporär eine weitere Toilette an einer strategisch wichtigen Stelle auf und errichte eine Futterstelle an der Stelle, an der Du die Pfütze gefunden hast. Dies hat den einfachen Grund, dass Futter und Ausscheidungsorte für Katzen unterschiedliche Funktionen haben, die nicht miteinander vereinbar sind. Wo gegessen wird, wird nicht ausgeschieden, wo ausgeschieden wird, wird nicht gegessen. Stelle außerdem sicher, dass die Toiletten in ausreichender Anzahl, Art und Platz vorhanden sind sowie die Streu angenehm feinporig und geruchsarm ist.
Zuletzt lasse Deine Katze gesundheitlich durchchecken: Hinter Unsauberkeit versteckt sich gerne eine Blasenentzündung. Hier ist allerdings auch gefordert, den Auslöser zu finden: Hat sich Deine Katze erkältet oder führte Stress zu der Entzündung?
In der Checkliste findest Du noch einmal die Sofort-Maßnahmen aufgelistet:
Sofort-Checkliste
- Ruhe bewahren; Du bestrafst die Katze nicht!
- Urin/ Kot mit Küchenkrepp und anschließend Enzymreiniger entfernen (keinen Ammoniak-haltigen Reiniger verwenden). Tipp: Ein für Textilien geeigneter Enzymreiniger ist auch für Wäsche notwendig. Waschen allein reicht nicht, um Geruchsreste vollständig zu entfernen. Nicht heiß waschen!
- Keine Katzentoilette an der Fundstelle aufstellen, statt dessen eine Futterstelle aufbauen, z.B. ein Futterturm.
- Fremdgerüche entfernen; betroffene Textilien zügig behandeln und separat waschen.
- Kurzbeobachtung (als Fragen):
- Wie alt ist Deine Katze?
- Ist Deine Katze kastriert?
- Sind Anzeichen von Schmerzen zu erkennen? (Hinweise können sein: verändertes Gangbild, verstärktes Verstecken, reduzierte Sprungfähigkeit, plötzlicher Appetitverlust, übermäßiges Putzen, halbgeschlossene Augen, angelegte Vibrissen (Schnurrbart-Haare) oder Aggressivität bei Berührung etc.)
- Red-Flags: Wenn Blut im Urin oder Kot sichtbar ist und/ oder bei Schmerzanzeichen → sofort Tierärzt*in kontaktieren abklären lassen!
- Verhaltensberater*in aufsuchen: Wenn medizinische Ursachen ausgeschlossen oder behandelt sind und das Problem weiterhin besteht oder wiederkehrt, oder Du nach den oben genannten Fragen eindeutig medizinische Ursachen ausschließen kannst und eine andere Komponente (Emotionale Faktoren, Kommunikation etc.) als Auslöser verdächtigst, solltest Du einen qualifizierten Verhaltensberater*in aufsuchen.
Wann Du zur Tierärzt*in gehen solltest: Red Flags & sinnvolle Tests
Die Entscheidung, wann eine tierärztliche Abklärung notwendig ist, ist relativ einfach: Bestimmte Veränderungen im Verhalten oder im körperlichen Zustand Deiner Katze gehören sofort in fachärztliche Hände, weil sie auf Schmerzen, Entzündungen oder andere körperliche Erkrankungen hinweisen können, die Unsauberkeit auslösen oder verstärken.
Dazu zählen Blut im Urin oder Kot, plötzliche Inappetenz (Appetitlosigkeit), eine deutlich veränderte Trinkmenge, wiederholte kleine Urinmengen oder sichtbares Pressen beim Urinieren (Hinweis auf schmerzhaftes oder blockiertes Wasserlassen) sowie Veränderungen in Haltung, Bewegung oder Körpergebrauch, z.B. Zögern beim Springen, ein steifer Gang oder das Vermeiden der Hockhaltung.
Ebenfalls abklärungsbedürftig sind Anzeichen anderer Erkrankungen, die auf den ersten Blick nichts mit Unsauberkeit zu tun haben (z. B. starke Müdigkeit, Gewichtsverlust, verändertes Sozialverhalten). Ist Deine Katze älter, gilt grundsätzlich: Tritt Unsauberkeit neu auf, sollte immer eine medizinische Abklärung erfolgen.
Red Flags (Warnzeichen)
- Blut im Urin oder Kot
- Veränderungen in Körperhaltung oder Bewegung (z. B. Vermeidung des Hockens, steifer Gang, Zögern beim Auf-/ Abspringen)
- Deutliche Veränderung von Appetit und/ oder Trinkmenge
- wiederholte kleine Urinmengen oder erfolgloses Pressen (Notfall, v. a. bei Katern)
- Neu aufgetretener oder anhaltender Durchfall oder Verstopfung
- Neu oder plötzlich verändertes Ausscheidungsverhalten bei älteren Katzen
Wenn Du Deine Katze Deiner Tierärzt*in des Vertrauens vorstellst, wird er/ sie eine Reihe von Tests durchführen. Die Wahl hängt entscheidend von den Informationen ab, die Du weitergibst.
Da unser Gedächtnis sehr subjektiv ist und auch Zusammenhänge zeitlicher oder kausaler Natur gerne vermengt, ist es sehr hilfreich, wenn Du Dir angewöhnst, Deine Katze sanft zu beobachten und ein sog. Verhaltens- Tagebuch führst. Darin notierst Du
- Datum und Tageszeit
- Ort des Ausscheidens
- Art der Ausscheidung (Urin oder Kot)
- Untergrund (z. B. Textil, Boden, erhöht/offen)
- Häufigkeit (eine einfache Strichliste genügt)
- begleitende Umstände (z. B. Besuch, Lärm, Veränderungen im Haushalt)
Für eine weiterführende Verhaltensberatung sind zusätzlich wichtig, wie Du auf die Unsauberkeit reagierst, sowie das Verhalten Deiner Katze im Anschluss daran und die Dynamiken im Katzen-Rudel oder mit weiteren Familienmitgliedern.
Sinnvolle tierärztliche Untersuchungen
Je nach Verdacht wird Deine Tierärzt*in auf eine oder mehrere der folgenden Untersuchungen zurückgreifen, um mögliche körperliche Ursachen abzuklären:
Körperliche Untersuchung
- Allgemeine klinische Untersuchung
- Palpation (Abtasten) von Bauchraum und Harnblase
(z. B. bei Verdacht auf Verstopfung, Blasenfüllung oder Schmerzreaktionen)
Urindiagnostik
- Urinanalyse (inkl. pH-Wert und spezifischem Gewicht)
- Sedimentuntersuchung (z. B. Kristalle, Blut, Entzündungszellen)
- Urinkultur (insbesondere bei wiederkehrenden Problemen oder Verdacht auf Infektionen)
Blutuntersuchungen
- Blutbild & Serumchemie
(Nierenwerte, Glukose, Entzündungsparameter) - SDMA (früher Marker für Nierenerkrankungen)
- T4-Wert (v. a. bei älteren Katzen zur Abklärung einer Schilddrüsenüberfunktion)
Kotdiagnostik
- Kotuntersuchung auf Parasiten
- ggf. PCR-Diagnostik bei anhaltendem Durchfall
Bildgebende Verfahren
- Röntgen oder Ultraschall (bei Verdacht auf Harnsteine, Megakolon, Tumoren oder strukturelle Veränderungen)
Weitere sinnvolle Abklärungen
- Orthopädische Untersuchung (z. B. bei Verdacht auf Arthrose oder andere schmerzhafte Bewegungseinschränkungen)
- Blutdruckmessung (insbesondere bei älteren Katzen oder Nierenerkrankungen)
- Neurologische Kurzuntersuchung (bei Koordinationsproblemen oder Inkontinenz)
Körper und Geist gehören zusammen
Körper und Geist stehen in ständiger Wechselwirkung, die sich sowohl in der Gesundheit als auch im Verhalten Deiner Katze zeigt. Anhaltender Stress, soziale Unsicherheit oder chronische Überforderung können körperliche Prozesse beeinflussen oder Symptome verstärken. Aus diesem Grund greifen tierärztliche und verhaltenstherapeutische Maßnahmen am besten Hand in Hand.
Eine medizinische Abklärung schließt eine verhaltensbedingte Ursache nicht aus. Sie ist vielmehr eine zentrale Grundlage, um Verhalten überhaupt korrekt einordnen und nachhaltig verändern zu können. Körperliche Erkrankungen, Schmerzen oder funktionelle Einschränkungen wirken sich immer auf Verhalten aus und damit auch auf alle weiteren Ursachenebenen, die für das Verhalten – in diesem Fall speziell die Unsauberkeit – relevant sind.
Körperliche Faktoren beeinflussen nicht nur das Ausscheidungsverhalten selbst, sondern verändern Wahrnehmung, Emotionen, Lernprozesse, soziale Interaktionen und Umweltbewertung Deiner Katze. Schmerzen können etwa zu Toilettenvermeidung führen, negative Lernerfahrungen auslösen, Stress erhöhen oder soziale Konflikte im Rudel verschärfen. Deshalb sollten medizinische Ursachen immer zuerst ausgeschlossen oder behandelt werden, bevor Verhalten interpretiert oder gezielt verändert wird.
Tierärztinnen und Verhaltensberaterinnen arbeiten dabei aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven für Dich und Deine Katze: Die tierärztliche Sicht fokussiert sich auf die physiologischen und medizinischen Grundlagen, während die Verhaltensberatung die psychologischen, emotionalen und lerntheoretischen Zusammenhänge betrachtet. Erst im Zusammenspiel beider Ebenen entsteht ein vollständiges Bild – und damit die Grundlage für Lösungen, die nicht nur kurzfristig helfen, sondern langfristig tragfähig sind.
Management & Prävention
Richtiges Management ist das Rückgrat von Prävention und Intervention bei Unsauberkeit. Es legt den Grundstein dafür, dass Katzen ihre Toilette zuverlässig nutzen, Stress reduziert wird und Konflikte im Rudel gar nicht erst entstehen. Management umfasst alles rund um das physische Setup, die tägliche Routine, Hygiene und die Berücksichtigung der Bedürfnisse Deiner Katze.
Grundprinzipien
- Anzahl der Toiletten: Mindestens eine Katzentoilette mehr als Katzen vorhanden (Faustregel: Anzahl Katzen + 1)
- Verteilung: Toiletten auf verschiedenen Stockwerken und in unterschiedlichen Räumen platzieren, damit jede Katze freien Zugang hat
- Zugang sichern: Ältere, gehandicapte oder unsichere Katzen brauchen leicht erreichbare Toiletten ohne Hindernisse.
- Toilettenarten testen: Unterschiedliche Bauarten ausprobieren (offen, halboffen (damit meine ich hohe Wände, keine Hauben), um Vorlieben zu erkennen
- Einstreu wählen: Holz, Tofu oder Betonit, Klumpend, staubarm, geruchsneutral und ohne Duftstoffe; grobe oder stark parfümierte Einstreu kann Ablehnung hervorrufen
- Hygiene: Hinterlassenschaften mehrmals täglich entfernen, Einstreu mindestens einmal pro Woche komplett wechseln
- Standortwahl: Keine stark frequentierten Durchgänge, laute Geräte oder Nähe zu Futter- und Wasserstellen. Katzen brauchen Ruhe und Privatsphäre beim Ausscheiden
Mehrkatzen-Haushalte
- Mehr Toiletten: Faustregel mindestens „+ 1 pro Katze“ gilt besonders hier. Bei uns Zuhause stehen sogar doppelt so viele Toiletten wie Katzen hier leben, um Konflikte zu vermeiden
- Ressourcen verteilen: Toiletten, Futterstellen, Rückzugsorte und Kratzmöglichkeiten räumlich getrennt anlegen, damit Konflikte und Stress reduziert werden
- Beobachten: Achte darauf, welche Katze welche Toilette bevorzugt und passe bei Konflikten die Plätze ggf. an
- Futter niemals neben der Toilette: Katzen vermeiden es instinktiv, dort zu essen
- Stress vermeiden: Plötzliche Änderungen im Setup, neue Reinigungsmittel oder zu viel Lärm in der Nähe der Toiletten können Unsauberkeit auslösen
- Routine etablieren: Katzen schätzen konsistente Fütterungszeiten, Spielzeiten und Toilettenhygiene
Mit konsequentem Management schaffst Du eine sichere, saubere und stressfreie Umgebung, die Unsauberkeit deutlich reduziert und die Grundlage für erfolgreiches Training und Verhaltensänderungen legt.
Trainingsansätze & therapeutische Strategien
Sobald medizinische Ursachen ausgeschlossen oder behandelt sind, beginnt das verhaltenswissenschaftliche Vorgehen. Ziel ist nicht, Deine Katze zu „drillen“, sondern das Toilettenverhalten vertrauensvoll wieder aufzubauen, Aversionen abzubauen und soziale/ territoriale Spannungen und Konflikte im Rudel oder mit andern Familienmitgliedern zu entschärfen. Dabei kombinieren wir Managementmaßnahmen mit gezielten Trainingsstrategien, die auf wissenschaftlich fundierten Prinzipien beruhen: operante Konditionierung, Gegenkonditionierung, Desensibilisierung und gezieltes Umweltmanagement.
Grundprinzipien
- Management + Training = Teamarbeit. Management schafft die sichere Umgebung; Training nutzt diese Voraussetzung, damit neues Verhalten wächst. Beides gehört zusammen.
- Keine Strafe. Strafen verängstigen und verunsichern Deine Katze, verschlechtern das Problem und verhindern Lernen. Sie sind grundsätzlich tabu!
- Kleine Schritte zählen. Große Erwartungen erzeugen Druck. Doch Erfolg kommt in kleinen Schritten.
- Dokumentieren. Notiere kurz Ort/Zeit/Hintergrund, damit Du Muster und Erfolge erkennst. Das hilft auch Dir, eure Fortschritte zu erkennen.
Operante Strategien
Operante Konditionierung bedeutet, dass wir erwünschtes Verhalten verstärken durch etwas, was Deine Katze mag. Die Folge ist, dass Verhalten, das angenehme Folgen hat, wahrscheinlicher wird und unerwünschtes Verhalten wird unwahrscheinlicher- es lohnt sich nicht mehr.
So setzt Du das praktisch um:
- Belohnung unmittelbar nach der Nutzung. Verstärke die Nutzung der Katzentoilette sofort nach dem Toilettengang, nicht währenddessen. Gute Verstärker sind ein kleines Leckerli, ein Lieblingsspielzeug oder ein kurzes, ruhiges Lob in Deinem Ton.
- Timing-Tipp: Warte auf den ersten klaren Blick oder das entschleunigte Verhalten der Katze nach dem Gang. Das ist der Moment, in dem sie wieder „bei Dir“ ist; jetzt gibst Du den Verstärker, oft auch „Belohnung“ genannt.
- Shaping (Formen des Verhaltens): Zerlege das Zielverhalten in winzige Schritte und belohne jeden Fortschritt. Beispiel: Ermutige durch einen Verstärker zuerst nur die Nähe zur Toilette. Danach gibst Du Deiner Katze etwas Schönes, wenn sie ihre Pfötchen in die Toilette hebt oder ganz hineingeht. Schließlich kannst Du das Hocken durch ein freundliches Lob verstärken und sobald Deine Katze den ganzen Ausscheidungsvorgang in der Toilette verrichtet und mit dem Ausstieg beendet hat, verstärkst Du das vollständige Benutzen. Achte auf das Timing und darauf, in der Toilette wird kein Leckerli zu gegeben.
- Belohnungsfrequenz: Am Anfang belohnst Du häufig, später seltener, aber unvorhersehbar. Denke auch daran, das Verhalten über lange (ich meine wirklich lange!) Zeit zu verstärken, damit es das Verhalten stabil bleibt.
Dos & Don’ts
- Do: Kleine, klare Belohnungen; sofortiges Timing; ruhige, unaufgeregte Atmosphäre.
- Don’t: Lauern neben der Toilette, laut abfangen oder die Katze direkt festhalten und „knuddeln“. Das erzeugt Angst und negatives Lernen.
Gegenkonditionierung & Desensibilisierung
Gegenkonditionierung und Desensibilisierung sind zwei eng verwandte Lernverfahren, die oft zusammen eingesetzt werden. Wir sorgen dafür, dass Deine Katze positive Erfahrungen in kleinen Schritten sammelt, so dass sie freiwillig ein neues Verhalten aufbaut, weil sie wieder Sicherheit gewinnt. Lerntheoretisch beruht Gegenkonditionierung auf klassischer Konditionierung (ein vormals neutraler oder aversiver Reiz wird mit etwas Positivem verknüpft). Desensibilisierung reduziert die emotionale Reaktion durch schrittweise, kontrollierte und nicht-überfordernde Annäherung an den Trigger, der unangenehme Gefühle auslöst.
Wenn Deine Katze negative Gefühle mit ihrer Katzentoilette verknüpft, kannst Du ihr durch kleinschrittige Desensibilisierung & Gegenkonditionierung helfen, diese wieder aufzulösen. Dabei gehst Du folgendermaßen vor:
- Beginne immer sehr weit entfernt vom Auslöser: Sorge zunächst dafür, dass Deine Katze in sicherer Distanz dem Trigger begegnet, ohne Stress zu zeigen. I in dieser Distanz präsentierst Du ihr etwas, das sie wirklich mag (ein hochwertiges Leckerli, ein kurzes Spiel mit dem Lieblingsspielzeug oder eine kurze, ruhige Streicheleinheit).
- Arbeite in kleinen, klar definierten Schritten: Erhöhe die Nähe oder Intensität nur dann, wenn Deine Katze in dem vorigen Abstand entspannt bleibt. Das Tempo bestimmt Deine Katze, nicht Du.
- Nutze gezielt hochwirksame, aber kleine Verstärker: Ein Mini-Leckerli, ein paar Sekunden Spiel mit dem Lieblingsfederwedel oder eine sehr kurze, gezielte Streicheleinheit sind bessere Verstärker als eine komplette Mahlzeit.
- Verbinde den Trigger systematisch mit Positivem (Gegenkonditionierung): Jedes Mal, wenn der Trigger in der aktuellen Intensität auftritt und Deine Katze entspannt bleibt, folgt unmittelbar eine angenehme Konsequenz. Auf diese Weise entsteht eine neue, positive Lern-Verknüpfung.
- Desensibilisierung heißt: sehr dosiert und kontrolliert aussetzen (kein Flooding!): Die Annäherung an den Trigger erfolgt so schwach, dass der Deine Katze den unangenehmen Reiz zwar wahrnimmt, aber nicht animiert ist, zu handeln. Es treten keine Stresszeichen auf. Erst, wenn Deine Katze mit dem Erscheinen des Triggers völlig fein ist und nicht mehr reagiert, sich sogar entspannt in seiner Gegenwart, erhöhst Du minimal die Intensität oder verringerst den Abstand zum Trigger. Das verhindert eine Sensibilisierung auf den Trigger, was das Gegenteil dessen bewirken würde, was wir erreichen wollen.
- Kombiniere immer mit gutem Management: Eine ruhige Umgebung, ausreichende Anzahl von Toiletten und Rückzugsorten reduzieren die allgemeine Alarmbereitschaft und machen Training überhaupt möglich.
- Achte streng auf Stresssignale und reagiere sofort: Vermehrtes Putzen, Einfrieren, Flucht, Ohren anlegen, Fellzucken oder aufgeplusterter Schwanz sind Zeichen, dass Du einen Schritt zu weit gegangen bist. Reduziere unbedingt das kriterium, dass Du eben erhöht hast, z.B. die Häufigkeit, in der Deine Katze den Trigger sieht.
- Setze klare Erfolgskriterien für jeden Trainingsschritt: Definiere vorher, was „entspannt bleiben“ bedeutet (z. B. keine Flucht, normale Atmung, normales Putzverhalten) und bleibe so lange in diesem Prozess, bis Deine Katze diese Ruhe zuverlässig zeigt.
- Dokumentiere die Schritte und die Reaktion: Ein Trainingstagebuch, in dem Du kurze Notizen einträgst, hilft Dir, Muster zu erkennen und Dein Vorgehen verantwortbar zu planen.
- Ethisch wichtig: Übe niemals Druck oder Zwang aus! Dein Ziel ist eine freiwillige Annäherung und Nutzung an die bzw. der Katzentoilette.
Pharmakologische Unterstützung
Medikamente und Pheromone können das Lernklima verbessern. Aber sie sind „nur“ Brückeninstrumente, keine Selbstzwecke. Sinnvoll eingesetzt reduzieren sie die Grundanspannung in Deiner Katze und ermöglichen manchmal auch erst das Lernen. Lerntheoretisch erleichtern sie die Konditionierungsprozesse, weil Deine Katze weniger durch Angst blockiert ist. Praktisch heißt das:
- Pheromonprodukte (z. B. synthetische Gesichtspheromone) können die Grundspannung senken und die Bereitschaft erhöhen, dass Deine Katze sich dem Trigger nähert. Sie sind relativ in der Anwendung, wirken aber nicht bei allen Katzen gleich stark oder erwünscht. Unsere Katzen z.B. wurden regelrecht aufgeputscht oder aggressiv, als ich während einer Zusammenführung über viele Wochen hinweg Stecker von verschiedenen Anbietern ausprobierte. Verwende die Pheromon-Stecker ergänzend zu Training und Management und beobachte, wie Deine Katze darauf reagiert.
- Medikamente (z. B. bestimmte Antidepressiva oder anxiolytische Substanzen) sind einer Überlegung wert, wenn die emotionale Erregung so hoch ist, dass gesundes und effizientes Lernen blockiert wird. Sie werden ausschließlich nach tierärztlicher Untersuchung und unter fachlicher Begleitung eingesetzt. Sprich mit Deiner Tierärzt*in darüber, welches konkrete Ziel das Medikament erreichen soll (z. B. Grundangst senken, Schlaf-/ Ruhefähigkeit steigern, Lernbereitschaft erhöhen). Dann kann er/ sie die Dosis und Wirkstoff passend wählen. Aufgrund ihrer starken Einwirkung auf den Organismus Deiner Katze sowie etwaiger Nebenwirkungen, sind Medikamente i.d.R. nicht die erste Wahl!
- Zeitfenster beachten: Medikamente brauchen Zeit (Tage bis Wochen), bis sie wirken. Setze deshalb begleitend sofort sinnvolle Management- und Trainingsmaßnahmen um.
- Monitoring ist Pflicht: Blutwerte, Leber-/ Nierenstatus und regelmäßige gesundheitliche Kontrollen sind notwendig, damit Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen früh erkannt werden.
- Medikamente erleichtern das Lernen, sie ersetzen es nicht: Die eigentliche Veränderung entsteht durch wiederholte, positive Lernerfahrungen; Medikamente sind i.d.R. nur das Mittel, damit diese Erfahrungen überhaupt möglich werden.
- Kurze Erläuterung zur Wirkung: Während Pheromone primär über soziale Sicherheitssignale beruhigen, wirken Medikamente über Neurotransmitter-Systeme in Deiner Katze und verändern die emotionale Grundlage. Beides zusammen kann das Lernumfeld deutlich verbessern.
- Wann fachliche Hilfe holen: Wenn trotz gutem Managements und Trainings keine Fortschritte sichtbar sind oder wenn die Katze sehr stark reagiert, bespreche mit Deiner Tierärzt*in und Verhaltensberater*in gemeinsam das weitere Vorgehen.
Fallbeispiele aus meiner Praxis
Ich schildere Dir einige Beispiele aus meiner Beratungspraxis. Sie sind anonymisiert und Merkmale, die eine Identifikation der spezifischen Familien ermöglichen würden, habe ich entfernt. Die relevanten Merkmale, die nötig sind, um die Situation zu verdeutlichen und die Unsauberkeit zu verstehen, habe ich beibehalten.
Fall A: Anton ist jahrelang unsauber- alles nur ein „Tick“?
Hintergrund
Anton ist ein stattlicher Kater im fortgeschrittenen Alter. Er lebt gemeinsam mit seiner Katzenmama, seinem Katzenpapa und seiner Schwester Anna in einer geräumigen Wohnung ohne Freigang. Anton und Anna sind beide kastriert; ihre Beziehung zueinander ist jedoch angespannt. Anton zeigt eine ausgeprägte Bindung an seine Katzenmama. In den ersten Lebensjahren der beiden Katzen war sie überwiegend zuhause. Nach etwa drei Jahren änderte sich die Situation: Die Katzenmama nahm ihre Berufstätigkeit wieder auf, zunächst in Teilzeit, später in Vollzeit. Kurz nach dieser Veränderung begann Anton, regelmäßig außerhalb der Katzentoilette zu urinieren.
Die Fundstellen waren vielfältig und gut sichtbar: im Flur neben der Eingangstür, auf dem Fußboden im Wohnzimmer, in der Ecke des Esstisches, auf dem Teppich sowie auf dem Bett. Die Küche wurde im Verlauf gesperrt, um weiteres Urinieren dort zu verhindern.
Diagnostik und Verlauf
Tierärztliche Untersuchungen wurden mehrfach durchgeführt, darunter Urinuntersuchungen, Abklärung auf Blasenentzündung, Blutuntersuchungen mit Blick auf die Nierenwerte sowie eine umfassende Zahndiagnostik inklusive Dentalröntgen. Medizinische Ursachen konnten wiederholt ausgeschlossen werden.
Mit der Geburt des Babys kam es zu einer deutlichen Eskalation: binnen weniger Tage erhöhte sich die Frequenz der Unsauberkeit von etwa einmal täglich auf bis zu fünf Urinabsätze pro Tag außerhalb der Toilette. Zu diesem Zeitpunkt standen Anton zwei Katzentoiletten zur Verfügung; verwendet wurde eine einfache Bentonit Einstreu. Die zunehmende Belastung führte dazu, dass die Katzeneltern das Verhalten zunehmend als „Tick“ oder Marotte einordneten und versuchten, es zu ignorieren. Gleichzeitig nahm die gemeinsame Spiel- und Interaktionszeit über die Jahre stetig ab. Unterstützende Maßnahmen wie gesicherter Freigang oder der Einsatz von Pheromonsteckern zeigten keine nachhaltige Wirkung.
Die Familie wandte sich an mich, nachdem das Baby in eine Urinpfütze gekrabbelt war. Zu diesem Zeitpunkt war Anton seit nahezu zehn Jahren unsauber.
Ursachenbewertung
In der Anamnese zeigte sich ein komplexes, über Jahre gewachsenes Zusammenspiel mehrerer Faktoren: eine hohe emotionale Abhängigkeit von der Katzenmama, anhaltender Beziehungsstress, soziale Spannungen im Mehrkatzenhaushalt, suboptimales Management sowie ausgeprägte Lernprozesse, die das Verhalten stabilisiert hatten. Aus meiner Sicht bildete sich über die Zeit ein funktionales Muster heraus: Unsauberkeit führte zuverlässig zu Aufmerksamkeit, und diese negative wie positive Aufmerksamkeit wirkte als Verstärker.
Ich erläuterte den Katzeneltern die verschiedenen Ursachenebenen von Verhalten und bat sie um gezielte Anpassungen im Wohnraum- und Toilettenmanagement, im Tagesablauf, in der Art der Ansprache sowie um konkrete Trainingsschritte.
Intervention
Wir einigten uns auf ein pragmatisches, alltagskompatibles Programm mit vier Schwerpunkten, das die Familie unmittelbar umsetzen konnte.
- Management und Hygiene: Wir ergänzten die Toiletteninfrastruktur um zwei zusätzliche offene Toiletten an jeweils einem ruhigen und strategisch wichtigem Ort, entfernten Textilien, auf denen uriniert wurde und sich nicht adäquat reinigen ließen aus Problembereichen und etablierten eine konsequente Reinigung mit Enzymreiniger. Die Küche blieb weiterhin unzugänglich-. Stattdessen bauten wir einen Warteplatz positiv auf. Problematische Bereiche, an denen bisher uriniert wurde, wurden gezielt entlastet.
- Strukturierte Zuwendung und Entlastung der Katzenmama: Ein zentraler Baustein war die Entlastung der Katzenmama. Sie erhielt täglich eine feste Stunde Me-Time ohne soziale Ansprache, um emotional und körperlich aufzutanken. Parallel dazu wurden verlässliche, kurze Spielzeiten im Tagesverlauf etabliert: morgens übernahm der Katzenpapa, nachmittags die Katzenmama, abends erneut der Katzenpapa. Diese klare Arbeitsteilung schuf Planbarkeit und entlastete die primäre Bezugsperson.
- Kognitive und körperliche Auslastung: Wir führten eine einfache Trainingsroutine ein, um Anton kognitiv zu fordern und ihm wiederholt Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Fummelbretter wurden dauerhaft eingesetzt und im Alltag nachgefüllt. Zur zusätzlichen körperlichen Aktivität nutzten wir Snackbälle. Diese wurden jeweils am Abend vorbereitet, so dass die Katzenmama sie am nächsten Tag schnell einsetzen konnte, auch wenn sie das Baby trug. Fummelbretter und Snackbälle wurden mit ruhiger, positiver Ansprache begleitet, sobald Anton in der Nähe war. Das zusätzliche Futter reduzierten wir von den eigentlichen Mahlzeiten.
- Trainingsmaßnahmen und soziale Entlastung: Im Training arbeiteten wir mit Shaping zur positiven Verknüpfung der Toilette: zuerst wurde die Nähe zur Toilette belohnt, dann das Hineingehen, anschließend das Verlassen. Die Verstärkung erfolgte unmittelbar nach dem Toilettengang. Bestrafen und Lauern an der Toilette blieben ausgeschlossen. Parallel dazu bauten wir den Katzenpapa als zusätzliche verlässliche Ansprechperson auf, damit Anton nicht mehr allein auf die Katzenmama angewiesen war.
Ergebnis
Die Kombination aus Management, strukturierter Zuwendung, kognitiver Auslastung und konsequentem Training zeigte rasche Wirkung. Innerhalb von fünf Tagen reduzierte sich die Anzahl der Vorfälle deutlich, bis schließlich kein Urinabsatz außerhalb der Katzentoilette mehr auftrat. In einer Nachbeobachtungsphase von etwa sechs Monaten blieb dieses saubere Verhalten stabil. Die Katzeneltern waren sehr engagiert und hielten die vereinbarten Routinen und das Management aufrecht.
Antons Unsauberkeit erwies sich im Rückblick vor allem als Ausdruck emotionaler Belastung und als deutliches Beziehungssignal. Die fehlende, aus seiner Sicht bedeutsame Aufmerksamkeit seiner Katzenmama war für ihn schwer auszuhalten. Durch die Unsauberkeit erzielte er zuverlässig Aufmerksamkeit, auch wenn diese negativ war. Lerntheoretisch hatte sich damit ein stabiles Muster etabliert: Unsauberkeit führte zu Zuwendung. Erst als dieses Muster verstanden und durch verlässliche, positive Alternativen ersetzt wurde, konnte sich das Verhalten lösen.
Für die langfristige Stabilität ist entscheidend, dass die Haltungsbedingungen und die Alltagsstruktur dauerhaft angepasst bleiben. Anton ist ein sehr menschenbezogener Kater, dessen wirksamster Verstärker menschliche Aufmerksamkeit ist. Wird diesem Bedürfnis regelmäßig und planvoll Rechnung getragen, ist ein Rückfall eher unwahrscheinlich. In Phasen hoher Belastung der Eltern kann es jedoch erneut zu Spitzen kommen. Deshalb empfahl ich, die Routinen beizubehalten und bei steigender Belastung frühzeitig Anpassungen vorzunehmen.
Fall B: Berta kotet außerhalb der Toilette- ein Fall für die Einzelhaltung?
Hintergrund
Berta ist ein junges Katzenmädchen von ca. 2 Jahren und lebt gemeinsam mit ihren beiden Schwestern in einer geräumigen Wohnung mit Fensterbalkon. Die drei Katzen bilden eine stabile soziale Gruppe und zeigen ein grundsätzlich harmonisches Miteinander. Es stehen fünf große Katzentoiletten zur Verfügung, verteilt über die Wohnung. Als Einstreu wird eine grobkörnige Holzstreu verwendet. Die Toiletten werden mehrmals täglich gereinigt und einmal pro Woche vollständig neu befüllt.
Berta lebt in einem strukturierten Familienalltag mit zwei erwachsenen Bezugspersonen, der Katzenmama und dem Katzenpapa. Zusätzlich leben zwei Kinder in der Familie, die aktiv in den Alltag mit den Katzen eingebunden sind. Sie streicheln, spielen und bürsten unter Anleitung mit den Katzen. Täglich finden Spiel- und Trainingseinheiten statt, unter anderem mit Clicker-Training. Die Katzen zeigen insgesamt eine gute Beziehung zu den Menschen und zueinander.
Über einen längeren Zeitraum begann Berta jedoch, außerhalb der Katzentoilette zu koten. Die Kotabsätze fanden sich bevorzugt neben den Toiletten, auf Teppichen oder auf gefliesten Bereichen. Der Urinabsatz fand zuverlässig innerhalb der Toiletten statt. Allerdings verscharrte Berta den Urin nicht bei jedem Toilettengang, sondern verließ zügig die Toilette. Eine Aufstockung der Toilettenanzahl brachte keine Veränderung.
Diagnostik und Verlauf
Tierärztlich wurde Berta einmal untersucht. Es erfolgte eine körperliche Abtastung; weiterführende Diagnostik wurde von der behandelnden Tierärztin als nicht notwendig erachtet. Die Einschätzung lautete, Berta sei „sehr sensibel“. Eine zweite Meinung wurde nicht eingeholt. Als mögliche Lösung wurde der Familie nahegelegt, Berta in Einzelhaltung abzugeben.
Für die Katzeneltern war dieser Vorschlag nicht stimmig. Berta suchte aktiv den Kontakt zu ihren Schwestern, ruhte gemeinsam mit ihnen und zeigte kein Rückzugs- oder Vermeidungsverhalten. Die Familie entschied sich daher bewusst gegen eine Trennung und wandte sich an mich.
Ursachenbewertung
In der Anamnese zeigte sich ein insgesamt sehr gutes Management in den Bereichen Haltung, Toilettenpflege, sozialer Umgang und Auslastung. Es fanden sich keine Hinweise auf sozialen Stress, mangelnde Zuwendung oder Unterforderung. Auch die Platzierung und Anzahl der Toiletten waren angemessen.
Auffällig war jedoch die verwendete Einstreu. Die grobkörnige Holzstreu erforderte beim Kotabsatz eine stabile Hockhaltung mit intensiver sensorischer Belastung der Ballen, was bei sensiblen Katzen als unangenehm erlebt werden kann. Außerdem bot die Einstreu nur eine geringe Möglichkeit zum Scharren und Abdecken. Gerade bei sensiblen Katzen kann die taktile Wahrnehmung der Einstreu eine entscheidende Rolle spielen. Kotabsatz ist ein hoch verletzlicher Moment, in dem sich Unbehagen sehr direkt im Verhalten zeigt.
Aus fachlicher Sicht lag der Verdacht nahe, dass Berta die Toiletten nicht grundsätzlich mied, sondern die sensorischen Eigenschaften der Einstreu als unangenehm empfand.
Intervention
Wir entschieden uns für eine bewusst schlanke, alltagsnahe Intervention mit klarem Fokus auf den entscheidenden Einflussfaktor, nämlich das Toilettensubstrat.
- Substratanpassung und Wahlmöglichkeit: Zentraler Schritt war der gezielte Wechsel der Einstreu. Ich empfahl, die grobkörnige Holzstreu zumindest in zwei der vorhandenen Katzentoiletten durch eine feinkörnige, gut scharrfähige Einstreu zu ersetzen. Ziel war es, Berta eine echte Wahlmöglichkeit zu eröffnen, ohne das bestehende Toilettensystem vollständig zu verändern oder zusätzliche Unruhe in den Haushalt zu bringen.
- Beobachtete Nutzung und schrittweise Umstellung: Bereits unmittelbar nach der Umstellung zeigte sich eine klare Präferenz. Berta nutzte ausschließlich die Toiletten mit der feinkörnigen Einstreu und kotete fortan zuverlässig dort. In der weiteren Beobachtung stellte sich heraus, dass auch die beiden Schwestern diese Toiletten bevorzugt aufsuchten. Auf dieser Grundlage entschied sich die Familie, nach und nach alle Katzentoiletten auf das neue Substrat umzustellen.
- Optimierung der Toilettengestaltung: Ergänzend wurde eine besonders große Toilette eingeführt, um den Komfort weiter zu erhöhen. Die Familie nutzte hierfür eine stabile Aufbewahrungsbox aus dem Baumarkt mit hohen, klaren Seiten. Ein tiefer Einstieg wurde eingesägt und gegen Verletzungen abgefeilt, um den Zugang zu erleichtern und gleichzeitig das Verteilen der Einstreu im Wohnraum zu reduzieren. Aufgrund der sehr guten Akzeptanz ersetzten die Katzeneltern im weiteren Verlauf alle bisherigen Toiletten durch vergleichbare, großformatige Modelle.
- Abgrenzung weiterer Maßnahmen: Weitere Trainings, Managementanpassungen oder verhaltensmodifizierende Maßnahmen waren nicht erforderlich. Mit der Anpassung des Substrats und der Toilettengestaltung war die ursächliche Belastung für Berta ausreichend adressiert.
Ergebnis
Mit dem Wechsel der Einstreu verschwand das Kotabsatzproblem vollständig. Berta nutzte die Katzentoiletten wieder zuverlässig und ohne Ausnahmen. Das Verhalten blieb stabil, ohne dass zusätzliche Interventionen notwendig waren. Ebenfalls verscharrte sie nun zuverlässig ihre Urinpfützen, was ein weiterer Indikator dafür war, dass sie die Einstreu als unangenehm empfand.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie stark scheinbar kleine sensorische Faktoren das Toilettenverhalten beeinflussen können. Bertas Unsauberkeit war kein Ausdruck von Sensibilität im pathologischen Sinn, kein Beziehungsproblem und kein Argument für Einzelhaltung. Sie war eine klare, funktionale Rückmeldung an die Umwelt.
Gerade bei jungen Katzen lohnt es sich, früh genau hinzusehen und einfache Ursachen ernst zu nehmen. Wird das Bedürfnis erkannt und respektiert, kann sich Verhalten oft schnell und nachhaltig regulieren.
FAQs & Mythen
„Meine Katze macht das aus Trotz.“
Katzen handeln nicht aus Rache, Trotz oder Absicht im menschlichen Sinn. Unsauberkeit ist kein moralisches Statement, sondern ein Ausdruck eines inneren Zustands. Das Verhalten erfüllt aus Sicht der Katze eine Funktion oder entsteht aus emotionaler Belastung wie Stress, Unsicherheit, Überforderung oder Konflikten im sozialen oder räumlichen Umfeld.
„Wenn ich die betroffenen Stellen abdecke, hört es auf.“
Das Abdecken von betroffenen Stellen kann kurzfristig verhindern, dass genau dieser Ort erneut genutzt wird. Die Ursache des Verhaltens bleibt dadurch jedoch unbeeinflusst. Besteht die innere Motivation weiter, verlagert sich das Verhalten häufig auf andere Bereiche. Nachhaltige Lösungen erfordern immer die Klärung und Bearbeitung der zugrunde liegenden Auslöser.
„Nach der Kastration verschwindet Markieren immer.“
Eine Kastration kann die Wahrscheinlichkeit für hormonell bedingtes Markierverhalten deutlich reduzieren. Sie ist jedoch keine Garantie für ein vollständiges Verschwinden. Markieren und Unsauberkeit werden nicht ausschließlich hormonell gesteuert, sondern auch durch soziale Spannungen, Stress, Umweltveränderungen oder Unsicherheiten beeinflusst. Diese Faktoren bleiben auch nach der Kastration relevant.
Fazit: Unsauberkeit ist Kommunikation und lösbar
Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass Unsauberkeit bei Katzen nie ein Zeichen von Trotz oder „schlechter Erziehung“ ist. Sie ist Ausdruck von körperlichen, emotionalen oder sozialen Belastungen. Manchmal wurde sie durch Lernprozesse verstärkt, manchmal ausgelöst durch scheinbar kleine Umweltfaktoren. Eine fundierte Abklärung körperlicher Ursachen bildet die Basis, auf der Toiletten-Management, Trainingsmaßnahmen und gezielte Interventionen aufbauen können. Mit konsequentem Umsetzen im Toiletten-Management , klar strukturierten Routinen, respektvollem Training und gezielter Förderung von Sicherheit und Wohlbefinden kannst Du Verhaltensprobleme wie die Unsauberkeit Deiner Katze nachhaltig lösen. Kleine Veränderungen, ein aufmerksames Beobachten und die gezielte Belohnung erwünschten Verhaltens verhelfen Deiner Katze zu einem Sicherheitsgefühl und stärken ihr (Selbst-) Vertrauen, reduzieren Stress und führen Schritt für Schritt zu einer sauberen, entspannten Nutzung ihrer Katzentoilette und schließlich zu einem harmonischen Zusammenleben in Deinem Zuhause.
Ist deine Katze unsauber oder hast Du Fragen zu ihrem Verhalten?
Wenn das Verhalten Deiner Katze Dir Rätsel aufgibt und Du Dir Klarheit und Unterstützung wünschst, dann nutze herzlich gern meine Angebote zu einer Haltungsberatung bzw. einer Verhaltensberatung. In einem geschützten Rahmen betrachte ich aus katzenpsychologischer Sicht das Verhalten Deiner Katze und helfe euch zurück zu einem entspannten Alltag.



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